Holger Miedreich, der Vorstandsvorsitzende des Zulieferunternehmens ZF, äußerte deutliche Kritik an der europäischen Industriepolitik bezüglich des Verbrennungsmotors. Er bezeichnete die Regelung, die ab dem Jahr 2035 die Neuzulassung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren in der EU untersagt, gegenüber der FAZ als eine "industriepolitische Fehlentscheidung mit schwerwiegenden Konsequenzen" für die Automobilzulieferbranche. Miedreich warnte davor, dass diese Weichenstellung die deutsche Industrie einem unnötigen Risiko ausliefert, da weite Teile der Welt weiterhin auf Verbrennungsmotoren setzen werden. Er hob hervor, dass insbesondere Hybridfahrzeuge in Regionen wie den USA, Asien und Südamerika noch eine lange Zukunft vor sich hätten. Der globale Markt für solche Technologien werde auch nach dem Jahr 2035 erheblich bleiben. Sollte sich die deutsche oder europäische Industrie jedoch von dieser Technologie verabschieden, würde dieser Markt endgültig verloren gehen. Dies werde eine "Segmentverschiebung" bewirken, die deutsche Zulieferer entweder zur Geschäftsaufgabe zwingt oder zur Verlagerung ins Ausland drängt. ZF befinde sich als weltweit agierender Konzern in der vorteilhaften Position, die Produktion und Entwicklung von Verbrennungsmotorkomponenten weiterhin im Ausland fortführen zu können. Miedreich betonte jedoch: "Diese Entwicklung findet dann nicht mehr in Deutschland statt. Wir werden in diesen Technologien in Brasilien, Indien oder China tätig sein, aber nicht hier." Er kritisierte dies als "kurzsichtig und einen Abschied von technologieoffener Denkweise". Miedreich sieht nur noch eine Chance, diesen "Irrweg" durch den Einsatz von E-Fuels zu korrigieren. Laut dem Vorstandsvorsitzenden sind bei ZF derzeit etwa 25.000 Angestellte im Bereich der Verbrennungsmotoren beschäftigt. Eine vollständige Umstellung auf elektrische Antriebe stelle für alle Unternehmen eine erhebliche Herausforderung dar. Miedreich erläuterte, dass die im Bereich Verbrennungsmotor vorhandenen Arbeitsplätze nicht im gleichen Umfang auf Elektroantriebe übertragen werden könnten. Dies decke sich auch mit den Erfahrungen anderer Zulieferer. Er warnte: "Wenn wir 20 Prozent unserer Mitarbeiter nicht auf Elektroantriebe umstellen können, sind das im schlimmsten Fall 5.000 Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren könnten." Dies wäre ein "enormer Schock" für die Gesellschaft. Miedreich räumte ein, dass diese Mitarbeiter selbstverständlich geschult und weitergebildet werden könnten. Dies erfordere jedoch ein "gigantisches Programm" und eine gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung. Er forderte: "Wenn die Politik beschließt, sich von einer Technologie zu verabschieden, muss sie auch die daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Konsequenzen tragen." Gleichzeitig äußerte Miedreich die Befürchtung, dass sich die europäische Industrie vom globalen Markt isolieren könnte. Er berichtete von einem kürzlichen Besuch in China, wo er beobachtet habe, dass chinesische Unternehmen weiterhin stark auf Verbrennungsmotoren setzten und zudem einen "Vorteil durch den Rückzug der deutschen Industrie vom Verbrenner" erkannten. "Sie sehen die Möglichkeit, sich auch in diesem Bereich eine führende Position zu erarbeiten", so Miedreich. Dies gelte insbesondere für Hybrid- und Plug-in-Hybrid-Technologien. Ein weiterer Belastungsfaktor für die deutsche Industrie seien die hohen Energiekosten. Miedreich führte an: "In China beobachte ich, dass der Strompreis in den Industrieregionen lediglich ein Zehntel dessen beträgt, was wir hier in Deutschland entrichten." Dies stelle einen "immensen Wettbewerbsnachteil" dar. Er betonte die Dringlichkeit einer "verlässlichen, planbaren und kostengünstigen Energieversorgung" in Deutschland. "Gelingt dies nicht, werden viele Unternehmen abwandern."