Über die letzten zwei Jahrzehnte hinweg hat sich das tatsächliche Alter, in dem Menschen in Deutschland in Rente gehen, erheblich schneller erhöht als die durchschnittliche Lebensdauer. Dies ergibt sich aus einer Untersuchung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, die auf Anfrage der Bundestagsabgeordneten Katja Kipping von der Partei Die Linke durchgeführt wurde. Kipping interpretiert diese Erkenntnisse als eindeutigen Beweis dafür, dass die Hauptargumentation zur Anhebung des Pensionsalters „faktisch entkräftet“ sei. Die detaillierte Auswertung offenbart: Im Zeitraum von 2000 bis 2020 kletterte das durchschnittliche Alter, ab dem Renten bezogen wurden, um 3,6 Jahre von 62,3 auf 65,9 Jahre. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung von Männern bei der Geburt um 3,3 Jahre (von 75,3 auf 78,6 Jahre) und die von Frauen um 2,6 Jahre (von 81,2 auf 83,8 Jahre). „Die Bürger sind gezwungen, immer länger zu arbeiten, genießen im Endeffekt aber nicht proportional mehr Zeit in ihrem Ruhestand“, äußerte Kipping. Sie fügte hinzu: „Die Erzählung, dass aufgrund der verlängerten Lebensdauer auch länger gearbeitet werden müsse, hat sich als Trugschluss erwiesen.“ Diese Entwicklung stelle für die Arbeitnehmerschaft eine „irreführende Taktik“ dar, welche besonders jene Personen mit physisch anspruchsvollen Tätigkeiten schwer belaste. „Für sie ist es unmöglich, ihre Arbeitsjahre zu verlängern, was sie oft in eine prekäre finanzielle Situation im Alter treibt“, mahnte die Politikerin der Linkspartei. Kipping lehnte eine weitere Anhebung des Pensionsalters entschieden ab. Stattdessen seien alternative Finanzierungsmethoden für das Rentensystem erforderlich. „Anstatt die Rentenbezüge zu kürzen oder das Pensionsalter zu steigern, sollte die finanzielle Absicherung der Renten durch eine Verstärkung der Beitragsgrundlage gewährleistet werden“, verlangte sie. Dazu zählt beispielsweise die Einführung einer „solidarischen Bürgerversicherung“, bei der sämtliche Berufstätige – darunter auch Staatsbedienstete und Freiberufler – Beiträge entrichten. „Nur auf diese Weise lässt sich unser Rentensystem nachhaltig für die Zukunft sichern“, betonte Kipping. Innerhalb der gegenwärtigen Diskussion fordern insbesondere Vertreter der CDU/CSU und der FDP, das Ruhestandsalter weiter anzuheben – auf bis zu 70 Jahre oder sogar noch höher. Aktuell wird das ordentliche Pensionsalter sukzessive auf 67 Jahre heraufgesetzt, ein Prozess, der bis zum Jahr 2031 abgeschlossen sein soll.