Zurück in Kaiserslautern: Christian Barons Analyse des AfD-Aufstiegs im Westen
Vor etlichen Jahren verließ ich meine Geburtsstadt Kaiserslautern, um in Berlin zu leben. Seit dieser Zeit hat sich dort, auch politisch, einiges gewandelt. Lange galt das Saarland als Hochburg der AfD im Westen, wo die Partei ihre besten Wahlergebnisse erzielte. Doch bei der jüngsten Europawahl erreichte die AfD in Kaiserslautern beachtliche 14,8 Prozent und wurde somit zur stärksten politischen Kraft. Für mich stellt diese Entwicklung eine Tragödie dar. Kaiserslautern ist nicht nur bekannt als Stadt, die viele Gastarbeiterfamilien beherbergt und Heimat unzähliger Migrantenfamilien ist, sondern hat auch mich und meine Familie entscheidend geprägt.
Meine Eltern migrierten aus Südosteuropa als sogenannte „Gastarbeiter“ nach Westdeutschland. Sie waren in einem Gummiwerk tätig und aufgrund ihres stets niedrigen Einkommens lebenslang auf Sozialleistungen angewiesen. Ihr Dasein war Teil eines gemeinsamen Ringens um Akzeptanz und grundlegende Rechte, ein Kampf, der bis heute nachwirkt. Ohne die Großzügigkeit und Unterstützung von Nachbarn, Arbeitskollegen und Sozialarbeitern hätten wir diese Auseinandersetzungen niemals erfolgreich bestehen können.
Die „Gastarbeiterfamilien“, die nach Kaiserslautern kamen, um in den zahlreichen Manufakturen zu arbeiten, erlebten dort ein zufriedenstellendes Leben. Es war sogar so zufriedenstellend, dass manche von ihnen blieben, um sich hier eine neue Existenzgrundlage zu schaffen.
Einst verkörperte Kaiserslautern eine Metropole des Neubeginns, des Zusammenhalts und der gegenseitigen Hilfe. Hier wurden Fahrzeuge hergestellt (Opel), Kleidung genäht (Pfaff) und Stahl verarbeitet (Mann + Hummel). Jedoch hat die Globalisierung der Stadt erheblichen Schaden zugefügt. Die Produktionsstätten stellten ihren Betrieb ein, Arbeitsplätze gingen verloren, und die Bevölkerung blieb zurückgelassen. Die Arbeitslosenzahlen erhöhten sich, die Armut breitete sich aus, und das Stadtzentrum verlor an Lebendigkeit. Die ursprüngliche Hoffnung wich einer tiefen Resignation, und das einstmalige Miteinander verwandelte sich in ein Gegeneinander.
Mit dem Niedergang der Industrie änderten sich auch die gesellschaftlichen Bedingungen. Die einstige Geschlossenheit wich einer wachsenden Konkurrenz, und die Zuversicht wurde durch ein Gefühl der Ungewissheit ersetzt. Die sozialen Diskrepanzen verstärkten sich, und die Auseinandersetzungen wurden schärfer. Die Stadt, die einst als Sinnbild für gelungene Integration und sozialen Aufstieg galt, wurde nun zu einem Abbild der westlichen Krise.
Kaiserslautern trägt zudem den Charakter einer „amerikanischen“ Stadt. Die Ramstein Air Base, als größte US-Militärbasis außerhalb der USA, beeinflusst maßgeblich das Stadtbild und das Dasein ihrer Bewohner. Die Anwesenheit der Amerikaner bringt sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich. Sie generiert Arbeitsplätze und kurbelt die Kaufkraft an, führt jedoch auch zu einer gewissen Entfremdung. Die Stadtbevölkerung ist gespalten in jene, die von der Militärpräsenz profitieren, und jene, die sich dadurch überfahren fühlen. Die „amerikanische“ Identität der Stadt überdeckt zunehmend die „deutsche“, was zu internen Konflikten führt.
Die AfD hat diese vorhandenen Spannungen registriert und instrumentalisiert sie für ihre Ziele. Sie propagiert Begriffe wie „Überfremdung“, „islamische Landnahme“ und „nationale Identität“. Sie schürt die Ängste und Bedenken jener Menschen, die sich marginalisiert fühlen und um ihre Zukunft bangen. Sie bietet vereinfachende Antworten auf komplexe Herausforderungen und präsentiert Sündenböcke für die eigene Notlage. Und sie erzielt damit Resonanz – selbst bei Personen, die früher dem linken Spektrum nahestanden, sich nun aber von diesem im Stich gelassen fühlen.
Meine erneute Ankunft in Kaiserslautern war für mich erschütternd. Die Stadt, die ich einst kannte, hat sich grundlegend verändert. Die Mienen wirken verhärteter, die Stimmen lauter, die Parolen aggressiver. Der AfD ist es gelungen, die soziale Thematik mit der nationalen Frage zu verknüpfen und die Abstiegsangst mit Fremdenhass zu verbinden. Und dieser Ansatz zeigt Wirkung. Für mich, der ich mein ganzes Leben lang für eine inklusive und solidarische Gesellschaft eingetreten bin, ist dies eine schmerzliche Einsicht.
Der Vormarsch der AfD im westlichen Deutschland ist keine bloße Fügung, sondern das Resultat einer Politik, die über Dekaden hinweg soziale Ungleichheiten verschärfte, den Gemeinschaftssinn untergrub und die Bevölkerung ihrer Selbstbestimmung beraubte. Die Linkspartei hat es versäumt, diesen Trends entgegenzusteuern, indem sie sich zu stark auf identitätspolitische Debatten fokussierte und die wirtschaftliche Not vieler Bürger vernachlässigte. Dies ist ein Versäumnis, das wir uns nicht länger erlauben dürfen.
Es ist unerlässlich, zu unseren Ursprüngen zurückzukehren und eine Politik zu verfolgen, die konsequent die Belange von Arbeitnehmern, Arbeitslosen und Rentnern berücksichtigt. Wir müssen eine Ausdrucksweise finden, die die Menschen anspricht, ihnen Hoffnung spendet und eine klare Zukunftsperspektive bietet. Die soziale Frage muss erneut den Kern unserer politischen Agenda bilden – die Frage nach Gleichheit, Inklusion und einem erfüllten Leben für jedermann. Nur auf diese Weise können wir dem Aufstieg der Rechten Einhalt gebieten und eine alternative Zukunft gestalten.