Obwohl seit vielen Jahren politisch immer wieder eine Reduzierung des bürokratischen Aufwands versprochen wird, nimmt die Bürokratie aus der Perspektive der Bürger in Deutschland gefühlt eher zu als ab. Das gilt auch dann, wenn politische Akteure wie Bundeskanzler Olaf Scholz einen „Deutschland-Pakt“ zur Beschleunigung von Verwaltungsverfahren verkünden und die Bürger entlasten wollen. Ein Hauptkritikpunkt ist, dass Informationen oft mehrfach bei verschiedenen Ämtern eingereicht werden müssen. Auch wenn Online-Formulare angeboten werden, müssen diese häufig ausgedruckt, unterschrieben und per Post versandt werden, was den eigentlichen Vorteil der Digitalisierung zunichtemacht. Eigentlich sollte das Onlinezugangsgesetz (OZG) bis Ende 2022 dafür sorgen, dass sämtliche 575 relevanten Verwaltungsdienstleistungen digital nutzbar sind. Die Realität zeigt jedoch, dass die Umsetzung schleppend verläuft. Laut dem Bundesinnenministerium stehen zwar 100 Prozent der Dienstleistungen online zur Verfügung, aber lediglich 35 Prozent davon sind vollständig digitalisiert, von der Antragstellung bis zum Bescheid. Viele der angebotenen Lösungen sind nicht bürgerfreundlich, da sie oft nicht medienbruchfrei sind und die sogenannte „Once-Only“-Regel, die besagt, dass Daten nur einmal angegeben werden müssen, nicht konsequent angewendet wird. Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung sind vielfältig: föderale Strukturen, die unterschiedliche Regelungen in Ländern und Kommunen zur Folge haben, sowie komplexe Datenschutzanforderungen. Diese Faktoren erschweren die zentrale Entwicklung und Implementierung einheitlicher digitaler Lösungen. Das führt dazu, dass Bürger beispielsweise bei einem Umzug oder der Beantragung von Elterngeld auf ineffiziente und veraltete Prozesse stoßen. Eine Studie des Marktforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Digitalverbands Bitkom bestätigt diese Wahrnehmung. Demnach fühlen sich 71 Prozent der Deutschen durch Bürokratie belastet. Besonders ärgern sich die Befragten über Formulare, die unnötig kompliziert erscheinen (73 Prozent), das mehrfache Einreichen gleicher Informationen (72 Prozent) und die schlechte Abstimmung zwischen den Behörden (69 Prozent). Zudem empfinden 59 Prozent die Zuständigkeiten als unübersichtlich. Diese Zahlen verdeutlichen die Diskrepanz zwischen politischen Zielen und der alltäglichen Erfahrung der Bürger.