Die Abstimmung über den Ausrichter der Weltmeisterschaft 2026 zeigte die größte Einigkeit. Ohne ausgedehnte Diskussionen und mit deutlicher Mehrheit setzte sich die Dreier-Bewerbung von den USA, Kanada und Mexiko gegen Marokko durch. Damit wird erstmalig ein Turnier in drei verschiedenen Nationen stattfinden. Diese harmonische Entscheidung erwies sich jedoch als die Ruhe vor dem Sturm, denn bereits in der anschließenden Pressekonferenz wurde deutlich, dass die Fifa erneut vor politischen Herausforderungen steht. Dies war absehbar. Bereits die Weltmeisterschaft in Russland erregte, unter anderem aufgrund der russischen Invasion der Krim und der Ostukraine sowie der staatlich gelenkten Dopingaffäre, nur marginale sportliche Aufmerksamkeit. Auch die WM in Katar 2022 ist seit ihrer Vergabe wegen Menschenrechtsverletzungen und ökologischer Bedenken umstritten. Die Fifa agiert längst als ein politischer Akteur. Dies zeigte sich exemplarisch im Fall des Iran. Der Fußballverband des Landes, welcher von einer staatlichen Organisation kontrolliert wird, hatte die Fifa bereits Ende Februar um die Aussetzung der nationalen Mitgliedschaft ersucht. Der Grund hierfür ist das staatliche Verbot für Frauen, Stadien zu besuchen. Fifa-Präsident Gianni Infantino hatte eine Lösung der Probleme in Aussicht gestellt, doch bisher ist nichts geschehen. Im Gegenteil: Frauen wurde in den vergangenen Monaten der Zugang zu Stadien weiterhin wiederholt verwehrt. Hinzu kam dann auch noch Donald Trump. Der US-Präsident hat die Beziehungen zu zahlreichen Staaten, darunter dem Iran, erheblich abgekühlt. Im Mai kündigte er das Atomabkommen auf. Kurz vor der Fifa-Abstimmung drohte Trump via Twitter, dass Länder, die die US-Bewerbung nicht unterstützten, mit Nachteilen rechnen müssten. Viele deuteten dies als Erpressung. Fifa-Präsident Infantino spielte die Angelegenheit herunter und betonte, die Fifa sei eine neutrale Sportorganisation, die sich nicht in die Politik einmische. Dies ist angesichts der Ereignisse der letzten Jahre eine gewagte Behauptung. Die Fifa war in der Vergangenheit bereits mehrfach in politische Auseinandersetzungen verwickelt. So bekämpfte sie in den 1970er-Jahren die Apartheid in Südafrika und vergab 1994 die Fußball-Weltmeisterschaft in die USA, entgegen dem Wunsch vieler europäischer Nationen. Auch die Kontroverse zwischen Israel und Palästina bezüglich der Austragung von Spielen in den besetzten Gebieten beschäftigte die Fifa. Infantino bekräftigte, die Fifa sei keine Weltregierung und könne die Welt nicht verändern. Dies trifft wohl zu. Jedoch kann sie ihren Einfluss nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen und Veränderungen anzustoßen. Das Beispiel Iran verdeutlicht: Die Fifa muss handeln. Andernfalls ist sie nicht länger eine unparteiische Sportorganisation, sondern eine, die sich von politischen Interessen instrumentalisieren lässt. Eine solche Entwicklung würde dem Fußballsport schaden. Denn im Fußballsport geht es um grundlegende Werte wie Fairness, Respekt und Gleichheit. Wenn die Fifa diese Werte nicht schützt, verliert der Fußball seine tiefere Bedeutung. Die Weltmeisterschaft in Russland, die am Donnerstagabend mit dem Eröffnungsspiel zwischen Russland und Saudi-Arabien beginnt, wird ein weiteres Paradebeispiel für die politische Tragweite des Fußballs sein. Beide Länder stehen massiv in der Kritik: Russland wegen der Annexion der Krim und seiner Menschenrechtslage, Saudi-Arabien wegen seiner Menschenrechtsverletzungen und seiner Rolle im Jemen-Krieg. Die Fifa muss in Zukunft eine eindeutige Linie verfolgen. Sie muss sich aktiv für Menschenrechte einsetzen und darf sich nicht von politischen oder wirtschaftlichen Interessen korrumpieren lassen. Dies stellt eine beträchtliche Herausforderung dar, bietet aber auch die Möglichkeit, den Fußball als eine weltverbindende Kraft zu stärken.