Von der Kohle zur digitalen Flexibilität: Wie sich die Arbeitswelt auf Familien und Geburtenraten auswirkt
Der folgende Artikel basiert auf Erkenntnissen aus Thomas Mettens kommendem Werk „Unser Schicksal im 21. Jahrhundert. Von der Kohle zu den Kindern.“
Vor der Ära der Industrialisierung bildete die Landwirtschaft das wirtschaftliche Fundament der Gesellschaft. Familien, oft in größeren Verbänden lebend, arbeiteten Seite an Seite. Kinder wurden nicht bloß als Empfänger, sondern als essenzielle Arbeitskräfte wahrgenommen. Hohe Kinderzahlen – sechs, sieben oder acht waren nicht ungewöhnlich – waren notwendig, da ein Großteil die Kindheit nicht überlebte. Die gemeinsame Arbeit von Männern und Frauen, abgesehen von adligen Kreisen, schuf einen engen Zusammenhalt, auch wenn die Zeit für romantische Aktivitäten begrenzt gewesen sein mag.
Mit dem Aufkommen der Industrialisierung und der Nutzung von Kohle begann ein tiefgreifender Wandel. Die kohlebasierte Mechanisierung stellte eine der größten menschlichen Errungenschaften dar und legte den Grundstein für unseren heutigen Wohlstand. Doch es gab auch eine Schattenseite: Kohle musste aufgrund ihres Gewichts aufwendig zu den Produktionsstätten transportiert werden. Dies führte zum Bau riesiger Fabriken und zur Urbanisierung, wodurch die Menschen in die Städte zogen, um dort zu arbeiten. Lebens- und Arbeitsbereiche wurden voneinander getrennt. Männer verließen morgens ihr Zuhause für die Fabrikarbeit und kehrten abends zurück, während Frauen mit den Kindern in den Wohnungen verblieben. So etablierte sich das Modell der Hausfrau – nicht als freie Entscheidung, sondern als direkte Konsequenz der durch die fossile Industrialisierung geschaffenen neuen Realitäten.
Diese Entkoppelung von Wohn- und Arbeitswelt hatte weitreichende Konsequenzen. Kinder verloren ihre Rolle als Mithelfende und wurden zu reinen Konsumenten, die nun Kosten verursachten, statt zum Familieneinkommen beizutragen. Um Kindern eine erfolgreiche Zukunft zu ermöglichen, wurde Bildung immer wichtiger und damit kostenintensiver. Der Wunsch nach vielen Kindern wich dem Ziel, wenige, aber gut ausgebildete Kinder zu haben. Die Geburtenrate sank auf das bekannte Niveau von durchschnittlich zwei Kindern pro Frau. Diese Trennung spaltete jedoch nicht nur die Familienstrukturen, sondern führte auch zu einer Entfremdung zwischen den Geschlechtern, da Männer und Frauen fortan in getrennten Lebenswelten agierten.
Seit den 1970er und 1980er Jahren ist ein kontinuierlicher Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen zu beobachten. Dennoch sind die Geburtenraten in den meisten Industrienationen weiter gesunken und liegen heute oft bei 1,5 Kindern pro Frau oder darunter. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Doppelbelastung, der Frauen durch Beruf und Familie ausgesetzt sind. Die Beteiligung der Männer an der Familienarbeit hat sich im Vergleich zu Zeiten, in denen Frauen nicht erwerbstätig waren, kaum verändert.
Doch in jüngster Zeit zeichnet sich eine vielversprechende Entwicklung ab: das Homeoffice. Die COVID-19-Pandemie beschleunigte dessen Etablierung zur Norm. Anfangs bestanden bei vielen Arbeitgebern Bedenken hinsichtlich eines möglichen Produktivitätsrückgangs ohne direkte Aufsicht. Studien belegen jedoch inzwischen das Gegenteil. Auch aus demografischer Sicht scheint das Homeoffice die Geburtenrate nicht negativ zu beeinflussen; es deutet sich sogar eine leichte positive Korrelation an.
Forschende der Universität Bremen, darunter Dr. Sarah Zabel und Prof. Dr. Ulrich Schneekloth, kamen in einer 2022 veröffentlichten Studie zu dem Schluss, dass das „Homeoffice eine der Voraussetzungen für eine Erhöhung der Geburtenrate“ sein kann – allerdings primär für Eltern, die sich bewusst Zeit für ihre Familie nehmen. Die Untersuchung ergab zudem, dass Männer, die im Homeoffice arbeiten, sich stärker an der Kinderbetreuung beteiligen als ihre Kollegen, die nicht im Homeoffice tätig sind.
Die durch das Homeoffice ermöglichte flexible Arbeitszeitgestaltung kann – sofern gewünscht – zu mehr gemeinsamer Zeit für Paare führen. Die Notwendigkeit des täglichen Pendelns zum Arbeitsplatz entfällt, und die Arbeit lässt sich flexibler in den Tagesablauf integrieren. Die mit der Industrialisierung einhergehende Trennung von Wohn- und Arbeitswelt, die Familien entzweite, kann durch das Homeoffice schrittweise überwunden werden.
Die Kohle hat uns zwar von der Natur entfernt, zugleich aber unseren heutigen Wohlstand ermöglicht. Nun liegt es an uns, diese Errungenschaften zu nutzen, um die negativen Auswirkungen der Industrialisierung auf Familien rückgängig zu machen. Das Homeoffice besitzt das Potenzial, die Geburtenraten wieder ansteigen zu lassen und Familien zu neuem Zusammenhalt zu verhelfen, vorausgesetzt, wir setzen es sinnvoll ein.