Anstatt Bilanzen zu analysieren und strategische Konzepte zu entwickeln, widmet sich Julian Kurz, 39, nun dem Einschlagen auf Sandsäcke und der Vorbereitung auf sein Debüt im Kampfkäfig. Der ehemalige Top-Manager eines führenden Softwarekonzerns vollzieht eine radikale Lebenswende mit dem Ziel, MMA-Kämpfer zu werden. Wer in der Unternehmensberatung tätig ist oder eine Spitzenposition bei einem Unternehmen wie SAP innehat, ist typischerweise Anfang dreißig, fährt einen teuren Dienstwagen und hat gerade eine luxuriöse Stadtwohnung bezogen. Julian Kurz, dessen Name aus datenschutzrechtlichen Gründen geändert wurde, entsprach diesem Profil genau. Fast zwei Jahrzehnte lang arbeitete er unermüdlich, leistete Überstunden und erreichte alle beruflichen Träume, die man sich in dieser Branche erfüllen kann. Doch irgendwann wurde ihm klar: Das ist nicht seine Bestimmung. Er war nicht glücklich. „Ich habe versucht, meine Arbeit zu lieben. Aber ich merkte schnell, dass der Druck, die ständige Erreichbarkeit und die gesamte Politik, die ein so großes Unternehmen mit sich bringt, mich nicht glücklich machen“, erklärt Kurz. Sein Leben sei von einer permanenten Rastlosigkeit und einem Gefühl der Leere geprägt gewesen. „Obwohl ich alle materiellen Ziele erreicht hatte, die man sich vorstellen kann, fühlte ich mich am Ende des Tages unglücklich und leer“, berichtet der frühere Manager. Die Lösung: Eine Kehrtwende um 180 Grad. Er verkaufte seine Firmenanteile, gab seinen Job auf und widmet sich nun vollständig seinem neuen Leben als Leistungssportler. Für Kurz ist dies nicht nur eine Sportart, sondern eine „Transformation“, die ihn in allen Lebensbereichen verändert. Alles begann mit einem Boxsack im Garten, mit dem er seinen Frust und seine Aggressionen abbauen wollte. Aus dem anfänglich spielerischen Umgang wurde schnell Ernst. Er stellte seine Ernährung um, begann mit Krafttraining und meldete sich in einer MMA-Schule an. „Ich habe mich gesünder ernährt, mit dem Krafttraining begonnen, bin jeden Tag gelaufen und war eigentlich permanent im Training“, so Kurz. Die ersten Trainingseinheiten waren extrem anstrengend. „Man bekam keine Luft, man war ständig am Limit und stellte sich oft die Frage, wofür man das alles auf sich nimmt“, erinnert er sich. Doch er biss sich durch, denn er erkannte schnell: Der Sport gab ihm eine neue Perspektive. Eine Herausforderung, die ihn nicht nur körperlich, sondern auch mental forderte. Aus dem 100-Kilo-Manager wurde ein durchtrainierter Athlet mit knapp 80 Kilogramm. „Es war ein Prozess, der wirklich an die Substanz ging. Jeder Tag war eine neue Herausforderung. Aber ich habe auch gelernt, dass ich mehr leisten kann, als ich dachte. Und dass ich meine Grenzen immer wieder neu definieren kann“, sagt Kurz. Für seine Frau war die Metamorphose ihres Mannes anfangs ungewohnt. Sie unterstützte ihn jedoch bei seinem Vorhaben. „Sie kennt mich ja schon sehr lange und weiß, dass ich immer schon ein bisschen verrückt war und gerne Grenzen austeste“, sagt Kurz lachend. Sein ultimatives Ziel ist es, in einem Käfig zu kämpfen. Wann genau, weiß er noch nicht. Er lässt sich Zeit und genießt den Weg. „Es geht nicht darum, der Beste zu sein, sondern darum, sich selbst zu finden und über sich hinauszuwachsen“, so Kurz. Die „verrückte Verwandlung“ hat ihm gezeigt, dass man im Leben immer wieder neue Wege gehen kann – selbst wenn sie noch so unkonventionell erscheinen mögen.