Die Organisationen des öffentlichen Nah- und Schienenpersonennahverkehrs (VDV) haben einen dringenden Appell in Form eines offenen Briefes an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gerichtet. Sie verlangen die Einrichtung eines "Schutzschirms" für die Geschäftsjahre 2022 und 2023, um die geschäftliche Existenz zahlreicher Verkehrsunternehmen zu gewährleisten. VDV-Präsident Ingo Wortmann unterstrich die Ernsthaftigkeit der Situation. Er erklärte am Dienstag in Berlin, dass eine Vielzahl der über 600 im VDV organisierten Firmen ohne umgehende Hilfen von Bund und Ländern mit dem Scheitern ihrer Geschäftstätigkeit konfrontiert sei. Als Gründe hierfür werden die erheblich gestiegenen Energiekosten sowie die weiterhin bestehenden Einnahmeverluste infolge der Covid-19-Pandemie genannt, welche auch durch die Einführung des 9-Euro-Tickets nicht ausreichend ausgeglichen werden konnten. Der VDV fordert vom Bund die Bereitstellung von 1,7 Milliarden Euro, um diese finanziellen Defizite für das laufende Jahr zu decken. Bereits am Montag hatte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion einen Antrag im Bundestag eingereicht, der ebenfalls einen Schutzschirm für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) vorsieht. Dieser Antrag verlangt eine vollständige Kompensation ("100 Prozent") für die "Schäden, die durch die Energiepreissteigerungen und den Rückgang der Fahrgastzahlen entstanden sind". Der Vorsitzende der Unionsfraktion, Friedrich Merz, übte Kritik an der Bundesregierung. Merz argumentierte, die Annahme der Regierung, es handle sich um ein Problem der Länder und Kommunen, sei falsch. Er betonte die Notwendigkeit sofortigen Handelns, um einen Kollaps des ÖPNV zu verhindern. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) hatte sich zuletzt für eine langfristige Finanzierung des Sektors ausgesprochen, konkrete Maßnahmen oder Vorschläge hierfür sind jedoch bisher nicht erfolgt. Nach Berechnungen des VDV belaufen sich die erwarteten Einnahmeverluste aus Fahrgeldern für 2022 auf 1,2 Milliarden Euro, ergänzt durch Mehrkosten für Energie in Höhe von 500 Millionen Euro. Dies summiert sich zu den geforderten 1,7 Milliarden Euro. Für das darauffolgende Jahr 2023 prognostiziert der Verband einen vergleichbaren finanziellen Bedarf, was einen Gesamtbetrag von etwa 3,4 Milliarden Euro für die Absicherung der Verkehrsbetriebe bedeuten würde. Ohne eine zügige Intervention drohen laut VDV Angebotsreduzierungen, die Einstellung von Linien, Tarifanhebungen und der Abbau von Arbeitsplätzen. Obwohl das 9-Euro-Ticket zahlreiche Fahrgäste wieder für Busse und Bahnen gewinnen konnte, reichte dies nicht aus, um die Einnahmesituation der Verkehrsunternehmen nachhaltig zu festigen. Eine Vielzahl von Stammkunden wechselte aufgrund des kostengünstigeren Tickets zu alternativen Angeboten, was zusätzliche Einbußen im Geschäft mit Jahresabonnements verursachte. Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind die kommunalen Verkehrsbetriebe, die nach den Herausforderungen der Corona-Krise und der Einführung des 9-Euro-Tickets nun zusätzlich mit den rasant steigenden Energiekosten ringen müssen. Verkehrsminister Wissing hatte in der Vorwoche angekündigt, dass Bund und Länder unverzüglich Gespräche über die Gestaltung einer dauerhaften und verlässlichen Finanzierung des ÖPNV und SPNV aufnehmen müssten. Er stellte jedoch klar, dass die "akuten Krisenfolgen nicht ausschließlich dem Bund aufgebürdet werden können".