Die Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeibrutalität in den USA halten an. Die beteiligten Personen werden immer vielfältiger und betrachten die anstehenden Wahlen als entscheidenden Schritt. Unter Parolen wie „Gegen Rassismus und Polizeigewalt“ sowie „Black Lives Matter“ versammeln sich seit mehr als einem Vierteljahr Menschen in den Vereinigten Staaten, um für Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit einzutreten. Der Auslöser für diese Protestwelle war der Tod von George Floyd, eines Afroamerikaners, der Ende Mai während eines Polizeieinsatzes ums Leben kam, nachdem ein Beamter minutenlang auf seinem Hals kniete und ihn so erstickte. Erst vor einer Woche ereignete sich in Wisconsin ein weiterer Vorfall, bei dem der Afroamerikaner Jacob Blake von einem Polizisten siebenmal in den Rücken geschossen wurde und seitdem von der Hüfte abwärts gelähmt ist. Diese beiden Fälle sind, wie die Demonstrierenden stets hervorheben, lediglich Beispiele einer fortwährenden Serie von Polizeigewalt gegen schwarze Personen. Die Demonstrationen, die anfänglich hauptsächlich in Metropolen stattfanden und von der schwarzen Gemeinschaft getragen wurden, haben sich seit Mai landesweit ausgebreitet und zeigen eine wachsende Vielfalt an Teilnehmenden. Mittlerweile schließen sich auch Bewohner aus vorwiegend weißen Vorstadt- und Kleinstadtgebieten den Kundgebungen an. Die Bürgerrechtsaktivisten verlangen nicht nur die juristische Verantwortung der Polizisten für ihre Handlungen, sondern fordern auch eine fundamentale Systemreform, die rassistische Strukturen und soziale Ungleichheiten perpetuieren. Laut einer Erhebung der Monmouth University lassen sich die fortgesetzten Proteste nach drei Monaten auf mehrere Ursachen zurückführen. Zum einen sind die Demonstranten davon überzeugt, dass ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel unumgänglich ist. Zum anderen befürchten sie, dass Donald Trump, der im November zur Wiederwahl antritt, sowohl die Polizeibehörden als auch rechtsextreme Gruppierungen weiter stärken könnte. Um diesen Ängsten entgegenzuwirken und ein klares Statement gegen Rassismus abzugeben, betrachten viele die bevorstehende Präsidentschaftswahl als entscheidende Station. „Sollten die Protestierenden sowohl weiterhin aktiv auf der Straße sein als auch ihre Wahlstimme abgeben, könnte dies eine historische Veränderung bewirken“, äußerte sich der Politikwissenschaftler Omar Wasow gegenüber der taz. Zahlreichen Aktivisten ist es zudem ein Anliegen, dass die Medien weiterhin ausführlich über die Proteste berichten. Sie befürchten einen Rückgang des öffentlichen Interesses und damit eine Schwächung der Bewegungsaussage. „Wir müssen die Aufmerksamkeit aufrechterhalten, andernfalls wird sich nichts ändern“, erklärte eine Demonstrantin aus Portland, die seit Wochen unermüdlich an den Kundgebungen teilnimmt. Sie repräsentiert viele, die sich trotz der Gesundheitsrisiken durch Covid-19 und den Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften weiterhin engagieren. Die Bewegung ist zwar nicht zentral gesteuert, doch ihre Botschaft bleibt unmissverständlich: „Black Lives Matter“ und die konsequente Forderung nach Gerechtigkeit und Gleichheit. Die Demonstrationen haben des Weiteren zu einer gesteigerten gesellschaftlichen Sensibilisierung beigetragen. Zahlreiche Firmen und Organisationen haben ihre Solidarität mit „Black Lives Matter“ ausgedrückt und Initiativen zur Förderung von Vielfalt und Inklusion in Aussicht gestellt. Allerdings kritisieren Mahner, dass diese Bekundungen häufig lediglich symbolischen Charakter haben und keine tatsächlichen strukturellen Reformen bewirken. Die Demonstrierenden fordern konkrete Handlungen statt bloßer Lippenbekenntnisse. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, in der die Hautfarbe irrelevant ist und alle Menschen dieselben Möglichkeiten besitzen.