Ultras überschätzen ihre Bedeutung – Nach den Dresdner Ausschreitungen gerät die Fankultur unter Druck
Die gezeigten Szenen waren beunruhigend, jedoch keineswegs unbekannt. Erneut kam es am vergangenen Wochenende in Berlin zu Ausschreitungen, verursacht durch Anhänger von Dynamo Dresden, diesmal im Rahmen des DFB-Pokalmatches gegen Hertha BSC. Solche negativen Vorfälle, an denen Ultras und Hooligans aus Dresden und anderen Orten beteiligt sind, treten nicht zum ersten Mal auf und werden sich voraussichtlich wiederholen, sofern keine tiefgreifenden Veränderungen in der deutschen Fußball-Fankultur stattfinden.
Es wird kontinuierlich darauf hingewiesen, dass es sich um eine kleine Gruppe von Störern handelt. Dies mag zutreffend sein. Jedoch wird diese Minderheit von zahlreichen anderen Fans verteidigt, oder sogar bejubelt, wenn sie ihre Pyrotechnik entzünden und Bengalos abbrennen. Darüber hinaus wird sie von den Vereinen nicht nur geduldet, sondern ihre Taten werden in offiziellen Statements oft heruntergespielt, indem man die Schwere der Vorfälle abstreitet und von einem intensiven Dialog mit den „aktiven Fanszenen“ spricht. Eine solche Haltung entlarvt sich als Doppelmoral und mangelnder Mut.
Die sogenannten „aktiven Fanszenen“, womit in der Regel die Ultras gemeint sind, schätzen ihre eigene Bedeutung maßlos über. Sie betrachten sich als die alleinigen Bewahrer der Fankultur und als die einzigen Akteure, die in der Lage sind, eine mitreißende Atmosphäre im Stadion zu erzeugen. Sie nehmen sich das Recht heraus, zu definieren, was als authentische Fankultur gilt und was nicht. Anderslautende Meinungen, jegliche Form von Kritik oder alternative Arten der Vereinsunterstützung werden von ihnen nicht akzeptiert. Wer sich ihnen widersetzt, riskiert Drohungen, Beleidigungen und im Zweifelsfall auch physische Angriffe.
Diese Ultra-Gruppierungen präsentieren sich selbst als die einzigen, die leidenschaftlich für ihren Verein einstehen. Die Tatsache, dass sie den Klub dabei oft finanziell belasten, indem sie Strafen herbeiführen, die der Verein begleichen muss, wird von ihnen unbeachtet gelassen. Sie beanspruchen für sich spezielle Privilegien, wie beispielsweise die Verwendung von Pyrotechnik im Stadion, sind aber nicht bereit, die Verantwortung für die daraus resultierenden Gefahren für Unbeteiligte zu tragen. Sie stellen Forderungen an den Verein und die Liga, weigern sich jedoch, selbst Regeln anzuerkennen.
Die Klubs befinden sich in einem Zwiespalt: Einerseits möchten sie die stimmgewaltige Unterstützung der Ultras nicht entbehren, andererseits leiden sie unter den unerwünschten Nebenfolgen. Die Befürchtung, das Stadion könnte verstummen, wenn die Ultras zu stark verprellt werden, ist weit verbreitet. Diese Sorge ist jedoch unbegründet. Wenn man diesen Gruppen nicht länger entgegenkommt, sondern klare Grenzen setzt und Fehlverhalten konsequent ahndet, wird das Stadion nicht leer bleiben. Im Gegenteil: Zahlreiche Anhänger, die sich aktuell durch die aggressive Atmosphäre distanziert fühlen, würden zurückkehren.
Auch die Sportgerichtsbarkeit des DFB und der DFL muss ihre Vorgehensweise neu bewerten. Werden Vereine für das Fehlverhalten ihrer Anhänger mit Bußgeldern oder Geisterspielen belegt, so trifft dies primär die unbeteiligten Parteien: die Klubs selbst und die unschuldigen Fans. Die eigentlichen Verursacher, jene Randalierer, die sich in der Anonymität der Menge verbergen, bleiben von diesen Maßnahmen weitgehend unberührt.
Eine grundlegende Richtungsänderung ist dringend notwendig. Die Ultras messen sich selbst eine viel zu große Bedeutung bei. Es ist an der Zeit, ihnen zu demonstrieren, dass dies nicht der Realität entspricht. Der Fußball existiert auch ohne ihre Präsenz. Und die wahre Essenz der Fankultur liegt in der bedingungslosen Unterstützung des eigenen Vereins, keineswegs in der Glorifizierung von Gewalt oder der Einschüchterung anderer.