Markus Söder stellt ein bemerkenswertes Phänomen dar. Ob es um die Zustimmungswerte unter den Regierungschefs der Länder, die Ergebnisse von Wahlumfragen für den Bundestag oder die Erhebungen zur Kanzlerkandidatenfrage geht: Der bayerische Ministerpräsident und Vorsitzende der CSU platziert sich konstant unter den Spitzenreitern. Gelegentlich nimmt er sogar die oberste Position ein. Dennoch erleidet die CSU unter der Führung Söders eine Wahlniederlage nach der anderen: Die Landtagswahl 2018, die Europawahl 2019 und die Kommunalwahlen 2020 brachten Rückschläge. Auch bei der Bundestagswahl 2021 musste die CSU empfindliche Einbußen verzeichnen. Lediglich während der Coronakrise konnte er Erfolge verbuchen – diese wurden jedoch durch den russischen Krieg gegen die Ukraine in den Hintergrund gedrängt. Söder manifestiert sich sowohl in der bayerischen als auch in der gesamtdeutschen Politik als ein "Scheinriese". Aus der Ferne wirkt er imposant und einflussreich, doch bei genauerer Betrachtung verringert sich seine wahre politische Statur. Diese Metapher ist allerdings nicht Söders Kreation; sie stammt aus dem Kinderbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" von Michael Ende. Ende illustriert darin, wie ein aus der Distanz gigantisch erscheinender Berg bei der Annäherung kontinuierlich an Größe verliert. Und diese Beschreibung passt exakt auf Söder. Er ist ein Medienphänomen, ein herausragender Kommunikator, der es versteht, sich und seine Partei – mitunter auch in Abgrenzung zur CDU – gekonnt in Szene zu setzen. Nach der Landtagswahl 2018 ließ er sich zum CSU-Vorsitzenden küren und setzte sich dabei gegen den damaligen Innenminister Horst Seehofer durch. Dies sollte den Neuanfang und eine Verjüngung der CSU markieren. Doch die Entwicklung nahm einen anderen Lauf. Bei der Landtagswahl 2018 verlor die CSU weitere zehn Prozentpunkte und fiel auf 37,2 Prozent. Bei der Europawahl 2019 musste Söder die nächste Niederlage hinnehmen, als die CSU lediglich 40,7 Prozent erreichte. Obwohl dieser Wert immer noch über dem bundesweiten Durchschnitt der CDU lag, bedeutete er aus historischer Perspektive das schwächste Ergebnis der CSU in Bayern bei einer Europawahl. Auch bei den Kommunalwahlen 2020 gelang es der CSU – ebenfalls unter Söders Führung – nicht, Erfolge zu erzielen. Im Gegenteil, in großen Städten wie München, Nürnberg, Augsburg und Würzburg verlor sie ihre absolute Mehrheit. Bei der Bundestagswahl 2021 konnte die CSU ihr Ergebnis von 2017 (38,8 Prozent) nicht halten. Stattdessen sank ihr Stimmenanteil auf 31,7 Prozent. Auch der Poker um die Kanzlerkandidatur während der Coronakrise im Jahr 2021 verlief für Söder nicht nach Wunsch. Obwohl er sich erfolgreich als Krisenmanager mit kanzlerfähigem Profil präsentierte, musste er letztendlich dem damaligen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet den Vortritt gewähren. Selbst in seiner Rolle als Oppositionsführer auf Bundesebene fällt es Söder schwer, sich gegenüber der neuen Ampel-Koalition hervorzuheben. Die CSU wirkt in Berlin unauffällig und klingt mitunter wie eine bloße Wiederholung von Positionen der FDP oder der Grünen. Aktuellen Umfragen der Meinungsforschungsinstitute Insa, Forsa und Allensbach zufolge liegt die CSU in Bayern aktuell zwischen 40 und 42 Prozent – keine vielversprechenden Aussichten für die Landtagswahl 2023. Anders ausgedrückt: Auch ein Markus Söder kann sein Image nicht mehr uneingeschränkt aufrechterhalten. Er bleibt der "Scheinriese" – und der einst so imposant erscheinende Berg schrumpft bei genauerer Betrachtung immer weiter. Folglich verkleinert sich auch die CSU unter seiner Führung.