Vermögende Individuen halten nach wie vor beträchtliche Finanzmittel in Offshore-Zentren verborgen. Neuesten Berechnungen zufolge umfasst das dort gelagerte private Geldvermögen konservativ geschätzt 12 Billionen US-Dollar, könnte jedoch tatsächlich bis zu 36 Billionen US-Dollar erreichen. Bezieht man neben Bargeld und Wertpapieren auch Sachwerte wie Immobilien, Luxusyachten und Kunstobjekte ein, erhöht sich die Gesamtsumme der verborgenen Reichtümer auf eine Spanne von 35 bis 50 Billionen US-Dollar. Diese Praxis führt dazu, dass Regierungen rund um den Globus jährlich schätzungsweise 311 Milliarden US-Dollar an potenziellen Steuereinnahmen verlieren. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung, die am Dienstag vom Tax Justice Network und der Universität Amsterdam publiziert wurde. Die Wissenschaftler mahnen, dass diese Entwicklung die soziale Ungleichheit und die Diskrepanz zwischen wohlhabenden und armen Bevölkerungsschichten zusätzlich verschärft. Demnach ziehen die wohlhabendsten Haushalte der G7-Länder den größten Nutzen aus diesem System. Maik Pflaum, Steuerexperte von Oxfam Deutschland, bemerkte dazu: „Gerade jene Staaten, die nach der globalen Finanzkrise vor über einem Jahrzehnt die weitreichendsten Versprechen zur Eindämmung von Steuerhinterziehung abgaben, sind nun die Hauptbegünstigten und fördern das intransparente System für die Höchstvermögenden.“ Gemäß der Untersuchung entgehen Deutschland infolge dieser Kapitalflucht jährlich etwa 26 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen. Als besonders problematisch erweist sich hierbei die Funktion der G7-Staaten, zu denen neben der Bundesrepublik auch Frankreich, Italien, Japan, Kanada, Großbritannien und die Vereinigten Staaten zählen. Der Bericht betont, dass deren Firmen und Bürger in großem Maße von Steuerparadiesen Gebrauch machen. Dabei werden Großbritannien und die USA als „maßgebliche Akteure“ identifiziert, da sie durch ihre weit verzweigten Netzwerke von Überseegebieten beziehungsweise Bundesstaaten wie Delaware und South Dakota die Integrität des weltweiten Steuersystems unterminieren. Die Studie warnt davor, dass „die Vermögenden die Regeln gestalten“, was wiederum die finanzielle Belastung für alle anderen Bevölkerungsgruppen steigert. Als Konsequenz schlagen die Studienautoren die Einführung eines weltweiten Vermögensregisters vor. Ein solches Instrument würde es den zuständigen Behörden erleichtern, die Besitztümer der Hochvermögenden sowie die dahinterstehenden Eigentumsstrukturen effektiver zu überwachen. Darüber hinaus plädieren sie für eine intensivere internationale Kooperation der Länder sowie für eine erhöhte Transparenz. Die Verfasser der Studie üben Kritik an der unterbliebenen Umsetzung der versprochenen globalen Steuerreform nach der Finanzkrise. Sie weisen zudem darauf hin, dass die COVID-19-Pandemie die bereits bestehende soziale Ungleichheit noch verschärft hat.