Studie belegt: Wirtschaftswissenschaften ziehen selbstbezogenere Studierende an
Wird die Persönlichkeit von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften durch ihr Fachgebiet egoistischer geprägt? Oder handelt es sich eher um eine Selbstselektion, bei der bereits egoistischere Individuen überdurchschnittlich oft diesen Studiengang wählen? Diese Thematik hat Daniel Staehr, Wirtschaftsprofessor an der dänischen Universität Aarhus, nachhaltig beschäftigt.
In einem Gespräch mit dem Freitag erläuterte Staehr die Ergebnisse seiner jüngsten Forschung zu diesem Sachverhalt. Er stellte fest, dass Personen, die sich für ein ökonomisches Studium entscheiden, bereits vor Antritt ihres Studiums im Schnitt selbstsüchtiger sind als Kommilitonen aus anderen Disziplinen. Diese Erkenntnisse wurden vom Wirtschaftswissenschaftler und seinem Team kürzlich in einer dem Freitag vorliegenden Untersuchung veröffentlicht.
„Unsere Resultate legen nahe, dass die Korrelation zwischen Egoismus und dem Studium der Wirtschaftswissenschaften hauptsächlich auf die Anziehung selbstbezogenerer Personen zu diesen Fächern zurückzuführen ist“, so Staehr. Dies widerlegt die verbreitete Annahme, ökonomische Bildung würde Studierende zu eigeninteressiertem Handeln erziehen.
Kurz gesagt: Wirtschaftswissenschaftler werden nicht durch ihr Studium egoistischer; vielmehr haben sie sich für dieses Studienfach entschieden, *weil* sie bereits egoistischer waren. „Diese Einsicht könnte potenziell das Stereotyp des eigennützigen Ökonomen abmildern“, merkt Staehr an.
Die Grundlage der Untersuchung bilden Daten von nahezu 3.000 Studenten der Universitäten Aarhus, Kopenhagen und Odense. Die Teilnehmer beantworteten sowohl vor Beginn ihres Studiums als auch nach Beendigung des ersten Semesters Fragen bezüglich ihrer Risikobereitschaft, ihrer uneigennützigen Haltung und ihres Gerechtigkeitssinns. Zusätzlich wurden ihre Präferenzen für Studienfächer erfragt.
Die Resultate offenbaren, dass Wirtschaftsstudierende schon vor dem Studienbeginn eine höhere Risikobereitschaft, einen geringeren Altruismus und ein weniger ausgeprägtes Fairness-Empfinden aufweisen als Studierende anderer Disziplinen. Diese Differenzen blieben auch nach dem ersten Semester unverändert. „Wir konnten nach dem ersten Semester keine bedeutsamen Veränderungen im Egoismus der Studierenden erkennen“, erläutert Staehr.
Laut Staehr ist diese Studie die erste ihrer Art, die eine derart umfangreiche Stichprobe und einen solch langen Beobachtungszeitraum nutzt, um die Verknüpfung von Egoismus und ökonomischem Studium zu erforschen. „Unsere Erkenntnisse sind belastbar und widerlegen die Vermutung, dass das Studium die Studierenden selbstbezogener macht“, hebt Staehr hervor.
Die Resultate der Untersuchung haben weitreichende Konsequenzen für die Disziplin der Wirtschaftswissenschaften. „Sie lassen vermuten, dass die Wirtschaftswissenschaften möglicherweise eine größere Anziehungskraft auf Personen ausüben, die bereits ein höheres Maß an Selbstbezogenheit aufweisen“, so Staehr. Dies könnte bewirken, dass die Wirtschaftswissenschaften zu einer Art ‚Resonanzraum‘ avancieren, in dem egoistische Handlungsmuster gefördert und weniger altruistische Verhaltensweisen benachteiligt werden.
Staehr unterstreicht jedoch, dass seine Studie keine moralische Beurteilung des Egoismus vornimmt. „Wir behaupten nicht, dass Egoismus per se negativ ist“, erklärt er. „Unsere Feststellung beschränkt sich darauf, dass ein Zusammenhang zwischen selbstbezogenem Verhalten und der Entscheidung für ein ökonomisches Studienfach existiert.“
Die Untersuchung könnte die Diskussion über die gesellschaftliche Funktion der Wirtschaftswissenschaften neu entfachen. „Es ist von Bedeutung, sich darüber im Klaren zu sein, welche Persönlichkeiten sich für ein ökonomisches Studium entscheiden“, so Staehr. „Dieses Verständnis könnte uns dabei unterstützen, die Wirtschaftswissenschaften so zu formen, dass sie der gesamten Gesellschaft optimaler dienlich sind.“