Die sich verschärfende globale Lage, geprägt von einem potenziellen Konflikt im Iran und anhaltend steigenden Energiekosten, konfrontiert Unternehmen mit erheblichen Schwierigkeiten. Die starke Abhängigkeit von internationalen Rohstofflieferungen tritt dabei schmerzlich in den Vordergrund. „Ein Defizit an Rohmaterialien könnte sich als Schwachstelle unserer Wirtschaft erweisen und die Fortschritte bei der Digitalisierung sowie der Energiewende verlangsamen“, äußert Harald Peters, der die Beschaffung bei BASF leitet. Schon in den 1970er-Jahren löste die Ölkrise ein Umdenken aus und forcierte Bemühungen um einen effizienteren Umgang mit limitierten Ressourcen sowie die Entwicklung von Ersatzstoffen. Die gegenwärtige Verknappung betrifft jedoch weitaus mehr als nur Erdöl und Erdgas. Von Seltenen Erden aus China über Kobalt aus dem Kongo bis hin zu Lithium aus Südamerika – die Versorgungsketten für zahlreiche essenzielle Rohmaterialien weisen eine hohe Konzentration auf und sind dadurch vulnerabel. Besonders stark ist Europa betroffen, da es selbst nur über geringe eigene Vorkommen verfügt. „Die Verknappung von Rohstoffen fungiert als Motor für Innovationen“, erklärt Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesvereinigung Logistik (BVL). Dies verleiht der Kreislaufwirtschaft einen erheblichen Impuls. Die Rückgewinnung von Gold aus ausgedienten Mobiltelefonen, Lithium aus gebrauchten Batterien oder Seltenen Erden aus Magneten wird durch immer raffiniertere Recyclingverfahren möglich, wodurch wertvolle Werkstoffe, die andernfalls verloren gingen, wiedergewonnen werden können. Parallel dazu widmen sich Forschende und Unternehmen der Suche nach Ersatzmaterialien. Die Entwicklung kobaltfreier Batterien, der Austausch von Platin in Brennstoffzellen durch andere Metalle und die Reduktion von Neodym in Magneten sind allesamt Bestrebungen, die darauf abzielen, die Abhängigkeit von seltenen und geopolitisch kritischen Rohmaterialien zu mindern. „Es handelt sich hierbei um einen Innovationswettbewerb zur Steigerung der Unabhängigkeit“, konstatiert Wimmer. Eine zusätzliche Möglichkeit bietet die additive Fertigung. Mittels 3D-Druck ist es realisierbar, Komponenten mit geringstem Materialeinsatz herzustellen und die Fertigung darüber hinaus näher an die Endabnehmer zu rücken. „Dies kann die Lieferketten verkürzen und unsere Eigenständigkeit erhöhen“, erläutert Professor Michael ten Hompel, der geschäftsführende Leiter des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML. Auch die Digitalisierung und die Künstliche Intelligenz (KI) nehmen eine maßgebliche Rolle ein. Sie unterstützen dabei, die Transparenz in Lieferketten zu verbessern, frühzeitig Engpässe zu identifizieren und Fertigungsprozesse zu optimieren. „Durch Predictive Analytics können wir den Bedarf präziser prognostizieren und somit die Lagerhaltung effizienter gestalten“, erklärt Philipp Plugmann, Professor für Innovation und Unternehmensentwicklung an der Ruhr-Universität Bochum. Die Entwicklung fortschrittlicher Materialien und Technologien stellt nicht nur eine Reaktion auf geopolitische Spannungen dar, sondern ist gleichermaßen von entscheidender Bedeutung für den Klimaschutz. Elektromobilität, Windenergieanlagen und Solarmodule – all diese Schlüsseltechnologien für eine nachhaltige Zukunft erfordern eine Fülle von Rohmaterialien, deren Verfügbarkeit gewährleistet sein muss. „Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, um die Abhängigkeiten zu reduzieren und gleichzeitig den Wandel hin zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise zu vollziehen“, resümiert Plugmann.