Der bekannte US-Investor Peter Thiel, Mitbegründer von PayPal, früherer Geldgeber von Facebook und Co-Gründer von Palantir, der als einer der prägendsten Denker des Silicon Valley gilt, hielt kürzlich in Rom Vorträge über seine Sichtweisen zum Antichristen und zur Apokalypse. Diese Referate fanden am „Angelicum“, der Päpstlichen Universität des Heiligen Thomas von Aquin, statt. Sie waren Teil einer Konferenz mit dem Titel „Katholischer Integralismus: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, die von „European Horizons“, einem konservativen katholischen Think Tank, und der Katholischen Universität von Amerika gemeinsam ausgerichtet wurde. Thiel selbst ist eine facettenreiche Persönlichkeit: Ein milliardenschwerer Libertärer, der offen homosexuell lebt, gleichzeitig aber als engagierter konservativer Katholik auftritt. Diese Konstellation positioniert ihn in der amerikanischen Rechten als eine Art „Brückenbauer“ zwischen der Tech-Welt des Silicon Valley und den christlich-konservativen Kreisen. Er unterstützt finanziell konservativ-katholische Projekte und investiert in aufstrebende katholische Intellektuelle. Seine philosophischen Ansichten sind stark von René Girards mimetischer Theorie geprägt. Laut Girard ist das menschliche Begehren nicht autonom, sondern im Wesentlichen nachahmend, was unweigerlich zu Konflikten führt. Diese Konflikte werden temporär durch den Sündenbock-Mechanismus befriedet. Thiel interpretiert den Antichristen nicht als eine übernatürliche Gestalt, sondern vielmehr als ein politisches Vorhaben, eine „totalisierende Ordnung“, die die Beseitigung jeglicher Unterschiede und die Etablierung eines universellen Friedens in Aussicht stellt. Er sieht darin die Funktionsweise des „allumfassenden Staates“, der sich im Laufe der Geschichte in unterschiedlichen Erscheinungsformen manifestierte – von antiken Imperien bis hin zu einer Form des modernen Liberalismus, die, wenn sie ideologisch wird, das Sakrale negiert. Nach seiner Auffassung könnte der moderne Liberalismus, durch seine starke Betonung von „Toleranz“ und „Offenheit“, ebenfalls in eine derartige totalisierende Staatsform münden, insbesondere wenn er alle Grenzen aufhebt und das Heilige verneint. Er kritisiert das Konzept eines säkularen Paradieses, das als Antithese zum christlichen Glauben eine konfliktfreie Welt verspricht. Die Apokalypse versteht er nicht als katastrophales Ende der Welt, sondern als eine Enthüllung der Wahrheit, eine Art „göttliches Eingreifen“, das die wahre Beschaffenheit der Dinge offenbart. Sie dient der Demaskierung des totalitären Versprechens, durch die Eliminierung aller Differenzen einen scheinbaren Frieden zu schaffen. Thiel warnt vor einem Fortschrittsdenken, das ein „Paradies auf Erden“ anstrebt, und unterstreicht die Notwendigkeit von Grenzen, die Bedeutung der Erbsünde sowie die Rolle der christlichen Tradition als entscheidendes Korrektiv. Thiels Ausführungen stellen keine buchstäblichen Prophezeiungen dar, sondern sind eine tiefgründige philosophische Reflexion über die Historie und die Zukunft der westlichen Zivilisation. Er spannt dabei einen Bogen von der biblischen Exegese bis zu den komplexen Herausforderungen der modernen Technologie und Politik.