Innerhalb weniger Wochen hat Peter Magyar etwas erreicht, das der zersplitterten ungarischen Opposition in 14 Jahren verwehrt blieb: Er mobilisierte Hunderttausende Menschen und erweckte die lange schweigende Mehrheit der Kritiker Viktor Orbáns. Viele sehen ihn nun als großen Hoffnungsträger, ja sogar als den „Retter Ungarns“. Die ungarische Bevölkerung hat eine tiefe Sehnsucht nach Wandel, nach einem Ende der Korruption, der durch Orbán verursachten gesellschaftlichen Spaltung und der Erosion demokratischer Werte. Magyar, der sich als Außenseiter inszeniert, obwohl er einst Teil des Systems war, das er jetzt von innen heraus bekämpfen will, scheint all diese Erwartungen zu erfüllen. Seine Popularität ist beachtlich und erinnert stark an den Aufstieg von Persönlichkeiten wie Andrej Babiš in Tschechien, Zuzana Čaputová in der Slowakei oder Sebastian Kurz in Österreich. Sie alle versprachen den Wählern eine frische Herangehensweise, integre Politik und das Aufräumen mit alten Seilschaften. Babiš entwickelte sich zu einem milliardenschweren Populisten, der selbst mit Korruptionsvorwürfen noch ein Drittel der tschechischen Wählerstimmen auf sich vereint. Čaputová, eine ruhige Hoffnungsträgerin, wurde in der rauen slowakischen Politik aufgerieben und verzichtet nun, enttäuscht, auf eine erneute Kandidatur. Kurz wiederum war ein kurzlebiges Phänomen, dessen kometenhafter Aufstieg und jäher Fall gleichermaßen beeindruckten. Und Robert Fico, der im Wahlkampf mit Verleumdungen gegen seine Kontrahenten vorging, führt das Land wieder und ist dabei, die Justiz zu untergraben und kritische Medien zum Schweigen zu bringen. Die Effekte der slowakischen Proteste, die seinerzeit Čaputová unterstützten, wurden nur wenige Jahre später von einem Politiker zunichtegemacht, der genau jene Taktiken anwendet, die Čaputová eigentlich bekämpfen wollte. Dies verdeutlicht die immense Schwierigkeit, tatsächlichen Wandel herbeizuführen. Selbst massiver Straßenprotest durch Hunderttausende ist noch lange keine Garantie für echte Veränderung. Im Gegenteil: Die anfängliche Wut und die hohen Erwartungen können rasch in Resignation und ein Gefühl der Ohnmacht umschlagen, wenn der vermeintliche Hoffnungsträger die Versprechen nicht einlösen kann. Peter Magyar zeichnet sich als begnadeter Redner aus; er ist jung, energisch und wirkt authentisch – und hat für viele die passenden Antworten auf die brennendsten Probleme. Ob seine Lösungsansätze jedoch auch realisierbar sind, bleibt abzuwarten. Er muss sich nun der politischen Auseinandersetzung stellen, seine konkreten Pläne vorlegen und beweisen, dass er mehr ist als nur ein Anführer der Empörung. Genau das war auch das Dilemma der ungarischen Opposition: Sie konnte der Politik Orbáns keine überzeugenden Alternativen entgegenhalten und besaß keine klare Vision für die Zukunft, sondern definierte sich lediglich durch die Ablehnung Orbáns. Das genügt jedoch nicht, um die Wähler nachhaltig für sich zu gewinnen. Magyar hat momentan eine Welle der Euphorie in Gang gesetzt, die er geschickt nutzen kann. Doch diese Welle könnte ebenso schnell verebben. Die Geschichte lehrt uns, dass neue Gesichter oft nur kurzlebige Phänomene sind, wenn ihnen eine breite Unterstützung und ein substanzielles Konzept fehlen. Er muss sich nicht nur gegen Viktor Orbán behaupten, sondern auch gegen die bereits etablierte Opposition, die ihn als Rivalen wahrnimmt. Zudem muss er achtgeben, dass er nicht selbst zu dem System mutiert, das er so leidenschaftlich bekämpft. Die an ihn gestellten Erwartungen sind gewaltig – möglicherweise sogar überzogen.