Die Verbindung zwischen Pakistan und den afghanischen Taliban hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nachdem Pakistan Luftangriffe in der afghanischen Grenzregion durchgeführt hat, hat sich die ohnehin angespannte Lage zwischen den einstigen Partnern weiter verschärft. Was führte zu dieser Entwicklung? Eine nähere Betrachtung. Seitdem die Taliban im August 2021 die Kontrolle über Afghanistan übernommen haben, hat sich die Sicherheitslage in Pakistan spürbar verschlechtert. Im vergangenen Jahr gab es einen deutlichen Anstieg terroristischer Angriffe, insbesondere in den westlichen Grenzregionen Khyber Pakhtunkhwa und Belutschistan. Hauptverantwortlich dafür sind die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), deren Operationen von afghanischem Territorium ausgehen. Seit geraumer Zeit wirft Islamabad den afghanischen Taliban vor, nicht entschieden genug gegen die TTP vorzugehen und diesen Kämpfern Unterschlupf zu gewähren. Die Taliban ihrerseits dementieren diese Anschuldigungen, räumen jedoch offen ein, dass sie die TTP-Kämpfer nicht vollständig kontrollieren können. Die am 18. März durchgeführten Luftschläge, die laut Angaben der Taliban in Afghanistan acht zivile Opfer forderten, erfolgten als Reaktion auf einen Terroranschlag vom 16. März in Nord-Waziristan, bei dem sieben pakistanische Soldaten getötet wurden. Pakistan erklärte, die Luftangriffe hätten sich gegen TTP-Kämpfer gerichtet, die in Afghanistan Unterschlupf gefunden hätten. Die afghanischen Taliban verurteilten die pakistanischen Angriffe scharf als eine «eindeutige Verletzung» ihrer staatlichen Hoheit. Die Ursprünge dieser Krise reichen weit in die Geschichte zurück. Seit seiner Gründung im Jahr 1947 stand Pakistan vor der Herausforderung, eine stimmige nationale Identität zu entwickeln. Über lange Perioden verstand sich das Land als islamisch-demokratische Nation. Doch unter der Militärdiktatur von General Zia-ul-Haq (1977–1988) vollzog sich ein Wandel der Ideologie hin zu einem panislamistischen Dschihadismus, maßgeblich vorangetrieben durch die Unterstützung der Mudschaheddin im Kampf gegen die sowjetische Invasion Afghanistans. Diese politische Ausrichtung hatte tiefgreifende Konsequenzen. Pakistan entwickelte sich zu einem Rückzugsort und einer Brutstätte für extremistisches Gedankengut. Das Land diente als Operationsbasis für diverse bewaffnete Gruppierungen, von denen einige gegen die indische Präsenz in Kaschmir agierten, während andere am afghanischen Dschihad teilnahmen. In dieser Zeit, genauer in den 1990er-Jahren, entstanden auch die Taliban. Pakistan leistete den afghanischen Taliban umfassende Unterstützung, um in Afghanistan eine «strategische Tiefe» zu etablieren und eine verbündete Regierung an die Macht zu bringen. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 war Pakistan jedoch gezwungen, unter dem Druck der USA seine politische Linie zu ändern und sich dem «Krieg gegen den Terror» anzuschliessen. Von da an verfolgte die pakistanische Führung eine zweigleisige Strategie: Einerseits bekämpfte sie gemeinsam mit den USA die als «böse Taliban» eingestuften TTP, während sie andererseits die «guten Taliban» (die afghanischen Taliban) gewähren liess. Diese auch als «Good Taliban, Bad Taliban» bekannte Politik sollte Pakistans Interessen in Afghanistan absichern und Indiens dortige Präsenz einschränken. Diese Strategie erwies sich jedoch als fehlerhaft. Obwohl die pakistanische Armee mehrere Offensiven gegen die TTP unternahm, reorganisierten sich diese immer wieder und entwickelten sich zu einer ernsthaften Bedrohung für den pakistanischen Staat. Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan im Jahr 2021 hegten viele in Pakistan die Hoffnung, die TTP sei nun endgültig besiegt oder zumindest beherrschbar. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Die TTP nutzte die Rückkehr der Taliban an die Macht, um sich neu zu strukturieren und ihre Angriffe innerhalb Pakistans zu intensivieren. Die afghanischen Taliban unterstützten die TTP nicht nur materiell mit Waffen und boten Rückzugsgebiete, sondern auch ideologisch. Beide Gruppierungen sind eng miteinander verbunden durch eine ähnliche Auslegung des Islam. Die Beziehung zwischen Pakistan und den Taliban ist vielschichtig. Pakistan hat die Taliban in Afghanistan stets als zentrale Verbündete angesehen. Die Taliban ihrerseits haben sich jedoch nie als blosses Werkzeug Pakistans betrachtet. Sie kritisieren Pakistans Kooperation mit den USA und Indien und erkennen die Durand-Linie, die Trennungslinie zwischen Pakistan und Afghanistan, nicht als verbindliche Grenze an. Die derzeitige Krise hat die Beziehungen zusätzlich strapaziert. Die pakistanischen Luftschläge in Afghanistan haben die Spannungen intensiviert und bergen das Risiko einer gefährlichen Eskalation. Die Taliban haben Pakistan vor weiteren Angriffen gewarnt und mit Vergeltung gedroht. Welche Optionen gibt es zur Bewältigung dieser Krise? Pakistan könnte versuchen, die TTP durch präzise militärische Operationen zu eliminieren. Dies erweist sich jedoch als schwierig, da die TTP in Afghanistan Rückzugsräume findet und sich stets neu organisiert. Eine alternative Möglichkeit wäre, die afghanischen Taliban davon zu überzeugen, entschlossener gegen die TTP vorzugehen. Dies ist jedoch unwahrscheinlich, da die Taliban die TTP als ideologische Verbündete betrachten und sie für den Kampf gegen Pakistan nutzen. Eine dritte Möglichkeit bestünde darin, die Krise durch diplomatische Gespräche zu entschärfen. Dies gestaltet sich jedoch schwierig, da die Taliban die pakistanischen Luftangriffe als Verletzung ihrer Souveränität auffassen und aktuell eine Verhandlungslösung ablehnen. Die Krise zwischen Pakistan und den Taliban stellt eine komplexe Herausforderung mit weitreichenden regionalen Folgen dar. China, das Milliardenbeträge in Pakistan investiert hat, zeigt sich besorgt angesichts der wachsenden Unsicherheit. Auch der Iran und die Länder Zentralasiens verfolgen die Entwicklung mit grosser Aufmerksamkeit. Die kommenden Wochen und Monate werden Aufschluss darüber geben, wie sich diese Krise entfalten wird. Eine militärische Eskalation könnte verheerende Konsequenzen für die gesamte Region nach sich ziehen. Eine diplomatische Beilegung erscheint gegenwärtig jedoch als sehr unwahrscheinlich.