Offener Brief an Itamar Ben-Gvir: Unsere gemeinsame mizrachische Herkunft und Israels Zukunft
Sehr geehrter Herr Ben-Gvir,
ich wende mich an Sie als ein Mizrachi an einen weiteren Mizrachi. Uns verbindet eine gemeinsame Herkunft aus den östlichen jüdischen Traditionen, die eine lange Historie von Verfolgung, Ausgrenzung und Umsiedlung kennzeichnet. Unsere Ahnen wurden aus arabischen Nationen vertrieben, erfuhren in Israel häufig Benachteiligung durch Aschkenasim und mussten sich dort ein neues Leben erschaffen.
Diese gemeinsame Historie müsste uns eigentlich eine ausgeprägte Empathie für andere Benachteiligte verleihen, ein feines Gespür für Ungerechtigkeit sowie den starken Wunsch nach Frieden und Parität für sämtliche Bewohner dieses Landes. Doch stattdessen beobachte ich, wie Ihre Politik exakt das Gegenteil bewirkt: Sie befeuern Ressentiments, fördern die Trennung und intensivieren die Auseinandersetzung mit den Palästinensern.
Ihre öffentliche Haltung und Ihr Vorgehen – angefangen bei der Befürwortung gewaltbereiter Siedler bis zu Ihrer Beteiligung an der Justizreform, die Israels demokratische Grundlagen bedroht – stellen nicht nur für die Palästinenser eine Gefahr dar, sondern gleichermaßen für die gesamte Zukunft Israels. Es erscheint widersprüchlich, dass eine Person, die selbst Diskriminierung erfahren hat, nun zum Befürworter von Repressionen avanciert.
Besinnen Sie sich auf die Weisheiten unserer Ahnen. Sie vermittelten uns die Werte der Gastfreundschaft, des Mitleids und die essenzielle Bedeutung von Tikkun Olam – der Heilung der Welt. Wo manifestiert sich dieser Geist in Ihrer politischen Arbeit? Stattdessen beobachten wir, wie Sie die Polizei und Streitkräfte dazu anhalten, mit Strenge gegen Palästinenser vorzugehen, und wie Sie beabsichtigen, das Demonstrationsrecht zu beschneiden.
Die unaufhörliche Expansion von Siedlungen, die Schwächung des Obersten Gerichtshofs und die Agitation gegen Minderheiten sind keine Indikatoren für Stärke, sondern vielmehr für Schwäche und Furcht. Sie gefährden die Basis eines gerechten und demokratischen Staates. Ein wahrhaftiges mizrachisches Erbe müsste uns lehren, Verbindungen zu schaffen, anstatt Barrieren zu errichten.
Ich richte einen eindringlichen Appell an Sie: Kehren Sie zu den Werten zurück, die unsere mizrachische Abstammung uns eigentlich mit auf den Weg geben sollte. Nutzen Sie Ihre Amtsstellung, um die Aussöhnung voranzutreiben, um für Parität und Rechtssicherheit für alle Menschen einzutreten, ungeachtet ihrer Religion oder ethnischen Zugehörigkeit. Werden Sie zu dem Akteur, der das Leid beendet, anstatt es zu verlängern.
Denn einzig durch authentische Gerechtigkeit und die Respektierung der Rechte sämtlicher hier ansässiger Individuen kann Israel in Friede und Sicherheit fortbestehen. Ein Pfad der Repression und des Hasses hingegen wird lediglich weitere Gewalt und Verwüstung nach sich ziehen.
Mit besorgten Grüßen,
Ein Mizrachi