Die jüngsten Tragödien, darunter die Ereignisse in Kerzers und Crans Montana, haben einmal mehr die Frage aufgeworfen, welche Rolle politische Führungspersönlichkeiten in Momenten tiefer nationaler Erschütterung einnehmen sollten. In diesem Kontext äussert sich der ehemalige Bundesrat Moritz Leuenberger mit klaren Worten und mahnt vor einer Vermischung der Kompetenzen: Ein Bundesrat sei kein Ersatz für einen Pfarrer; der politische Trost allein reiche nicht aus, um existenzielle Nöte zu stillen. Leuenberger betont, dass die Erwartungshaltung gegenüber Politikern in solchen Situationen zwar nachvollziehbar sei. Die Menschen suchten nach Halt und Orientierung, und eine empathische Reaktion der Staatsspitze gehöre zweifellos dazu. Jedoch dürfe die Funktion des Bundesrates nicht überdehnt werden. Seine primäre Aufgabe liege im pragmatischen Handeln: die Gewährleistung der Sicherheit, die Organisation von Hilfsmassnahmen, die Bereitstellung von Ressourcen und die klare Kommunikation von Fakten und Beschlüssen. Es gehe darum, die staatlichen Funktionen aufrechtzuerhalten und Strukturen zu schaffen, die den Betroffenen und der Gesellschaft konkret helfen. Die Seelsorge hingegen, so Leuenberger, bediene eine andere Dimension menschlicher Bedürfnisse. Pfarrer, Seelsorger oder andere spirituelle Begleiter bieten einen Raum für Trauer, vermitteln möglicherweise Sinn und Trost im Angesicht des Unfassbaren und unterstützen bei der Verarbeitung auf einer tief emotionalen und oft auch transzendenten Ebene. Diese Art der Begleitung erfordere spezifische Fähigkeiten und eine andere Rolle, die ein politischer Amtsträger nicht einfach übernehmen könne und sollte. Der Versuch, die Rolle eines Seelsorgers zu usurpieren, berge das Risiko der Überforderung für den Politiker und der Enttäuschung für die Betroffenen, da ein rein politisches Statement niemals die spirituelle Tiefe oder den persönlichen Zuspruch eines Geistlichen ersetzen könne. Leuenberger warnt davor, dass eine solche Rollenvermischung die Glaubwürdigkeit beider Professionen untergraben könnte. Empathie sei für einen Politiker unabdingbar, aber sie müsse sich im Rahmen seines politischen Mandats bewegen. Die Stärke der Politik liege in ihrer Fähigkeit, auf materieller und organisatorischer Ebene zu helfen, und nicht darin, spirituelle Leere zu füllen. Es sei entscheidend, dass sowohl die Politik als auch die Gesellschaft die Grenzen dieser Rollen respektierten. Nur wenn jeder Akteur seine spezifische Aufgabe mit Integrität erfülle, könne die Gesellschaft Katastrophen ganzheitlich begegnen – durch effiziente staatliche Hilfe und durch adäquate seelsorgerische oder psychologische Unterstützung. Ein Bundesrat könne seine Menschlichkeit zeigen, dürfe aber nicht vorgeben, ein Hirte für alle Seelen zu sein.