Das Vermögen zur Anteilnahme stellt eine mächtige Motivation dar, die Individuen dazu antreibt, Beistand zu leisten. Doch welche Ursprünge hat diese Fähigkeit, und kann man sie gezielt entwickeln? Wissenschaftler der Stanford University sowie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben Indizien entdeckt, die darauf hindeuten, dass mitmenschliches Gefühl tatsächlich kultivierbar ist. Ein Forschungsteam unter der Leitung der Psychologin Helen Weng präsentierte Studienteilnehmern Videos von Menschen in Not. Eine Kohorte übte danach Mitgefühl durch eine Meditationspraxis, bei der sie sich das Wohlergehen und die Schmerzfreiheit der leidenden Personen visualisierten. Eine weitere Gruppe wurde darin geschult, die belastenden Emotionen kognitiv umzuinterpretieren. Eine dritte Gruppe erhielt keinerlei Intervention. Die Teilnehmer, die Mitgefühl trainiert hatten, zeigten eine erhöhte Aktivität in Gehirnregionen, die mit Empathie, Emotionsregulation und Belohnung verknüpft sind – darunter die Insula, der anteriore Cinguläre Kortex und das Striatum. Zudem erwiesen sich diese Probanden als hilfsbereiter gegenüber Unbekannten und waren eher bereit, auf einen Teil ihrer Vergütung zu verzichten. Ebenso lieferten Tania Singer und Olga Klimecki vom Max-Planck-Institut in ihren Untersuchungen vergleichbare Resultate. Sie erforschten die Auswirkungen einer täglichen Meditationspraxis über einen dreimonatigen Zeitraum auf prosoziales Verhalten und die Reaktion auf den Schmerz anderer. Die Befunde zeigten, dass ein solches Training nicht nur das soziale Verhalten positiv beeinflusste, sondern auch die eigene Stressantwort auf fremdes Leid minderte. Darüber hinaus bewirkten die Übungen signifikante Veränderungen in der Vernetzung und Aktivität von Gehirnnetzwerken, die mit Fürsorge, positiven Empfindungen und psychischer Widerstandsfähigkeit in Verbindung stehen. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff Mitgefühl, und wie grenzt es sich von reiner Empathie ab? Empathie bezeichnet die Fähigkeit, die Empfindungen anderer nachzuempfinden und sich in ihre Lage zu versetzen. Dies kann jedoch, insbesondere bei einer zu starken Identifikation mit dem Leid anderer, zu empathischer Belastung oder gar Burnout führen. Mitmenschliches Gefühl hingegen geht über dieses reine Nacherleben hinaus: Es manifestiert sich als der Wunsch, das Leiden anderer zu mildern, gekoppelt mit einem tiefen Gefühl der Fürsorge und dem inneren Antrieb, tatkräftig Unterstützung zu leisten. Diese Ausprägung der Anteilnahme erweist sich nicht nur als resistenter gegenüber Stress, sondern ist auch mit einem höheren Maß an positiven Gefühlen assoziiert. Die Kultivierung von Mitgefühl kann somit eine äußerst wertvolle Kompetenz darstellen, insbesondere in Berufsfeldern, in denen man regelmäßig mit dem Leid anderer konfrontiert wird, wie etwa im medizinischen, pflegerischen oder therapeutischen Bereich. Es ermöglicht einen konstruktiven Umgang mit den Emotionen anderer, ohne dabei selbst Schaden zu nehmen. Zusammenfassend lässt sich festhalten: Mitgefühl ist eine erlernbare Fähigkeit, die sowohl dem Individuum als auch der Gemeinschaft Vorteile bringt, indem sie uns befähigt, uns effektiver um unsere Mitmenschen zu kümmern und dabei gleichzeitig unsere eigene psychische Resilienz zu festigen.