Hamburg – Eine namhafte Fachfrau im Bereich der Kindermedienforschung ruft angesichts der anhaltenden politischen Diskussionen um den Schutz junger Menschen in sozialen Netzwerken zu Besonnenheit auf. Dr. Maya Götz, die das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) des Bayerischen Rundfunks (BR) leitet, hebt hervor, dass eine langfristige Betrachtungsweise unerlässlich ist und warnt davor, voreilige Gesetze zu verabschieden, da diese häufig wirkungslos bleiben und die eigentlichen Probleme nicht adressieren. Gegenüber horizont.net äußert Götz ihre Kritik, dass die Politik dazu neigt, auf öffentliche Empörung umgehend mit "Pflastern" oder "Fixes" zu reagieren, die jedoch selten dauerhaft Bestand haben. "Es hat sich wiederholt gezeigt, dass solche überstürzten Maßnahmen, beispielsweise eine vorgeschriebene Altersverifikation für bestimmte Inhalte, rasch umgangen oder durch technologische Neuerungen obsolet gemacht werden", erläutert Götz. Stattdessen spricht sich die Fachfrau dafür aus, den Schwerpunkt auf die Verbesserung der Medienkompetenz und die mentale Widerstandsfähigkeit von Heranwachsenden zu legen. Sie führt aus: "Es geht nicht darum, soziale Medien grundsätzlich zu verteufeln oder zu untersagen, sondern darum, Kinder, Jugendliche, ihre Eltern und Lehrkräfte für einen bewussten Umgang mit diesen Medien zu befähigen." Götz betont, dass die fortschreitende Digitalisierung ein vielschichtiges Thema darstellt, das eine nuancierte Herangehensweise erfordert. "Wir dürfen nicht in binären Kategorien denken – entweder Abhängigkeit oder keine, entweder gut oder schlecht. Soziale Medien eröffnen auch beträchtliche Möglichkeiten für Lernen, soziale Interaktion und Mitgestaltung. Diese vorteilhaften Seiten dürfen nicht ignoriert werden", unterstreicht sie. Als Beispiel für wenig effektive politische Interventionen führt sie Bemühungen an, Plattformen gesetzlich zur Entfernung bestimmter "problematischer" Funktionen zu verpflichten. "Die Betreiber finden stets Wege, derartige Vorschriften zu umgehen oder äquivalente, neue Funktionen einzuführen. Der Gesetzgeber ist der technologischen Entwicklung stets einen Schritt voraus", konstatiert die Leiterin des IZI. Sie verweist auf den EU Code of Conduct, der zwar einen vielversprechenden Ausgangspunkt darstellte, in der Realität jedoch nur eine eingeschränkte Wirkung entfaltete, da die Kooperationsbereitschaft der Plattformen oft mangelhaft war und die Überwachung sich als schwierig erwies. Stattdessen plädiert Götz für vermehrte Investitionen in Bildungsinitiativen, die Eltern, Erzieher und Pädagogen befähigen, Kinder in ihrer Auseinandersetzung mit digitalen Medien zu unterstützen. "Wir benötigen keine zusätzlichen Verbote, sondern eine umfassende Stärkung der digitalen Erziehungskompetenz auf allen Ebenen. Dies beinhaltet auch die frühkindliche Bildung", erläutert sie. Es sei entscheidend, bereits den Kleinsten spielerisch den Umgang mit Medien zu vermitteln und altersgerechte Angebote zu fördern, anstatt den Konsum lediglich zu regulieren. Die Sachverständige unterstreicht, dass der Einfluss von sozialen Medien auf die psychische Verfassung vielschichtig ist und nicht verallgemeinernd beurteilt werden kann. "Es existiert nicht 'das eine' soziale Medium, und die Effekte unterscheiden sich stark je nach Altersgruppe, individueller Persönlichkeit und dem jeweiligen Nutzungsszenario", so Götz. Ein Kind im Vorschulalter stehe vor anderen Anforderungen und Bedürfnissen als ein Jugendlicher. Abschließend richtet Götz einen dringenden Appell an die Politik, Langmut zu zeigen und nicht nach der nächsten "Sofortlösung" zu suchen. "Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dieses sich rasant entwickelnde Feld durch starre Gesetze vollständig regulieren zu können. Erforderlich sind langfristige, tragfähige Maßnahmen, die auf Bildung und die Stärkung der Eigenverantwortung setzen", resümiert sie.