Männliche Verantwortung: Eine Notwendigkeit zur Selbstkritik angesichts von Gewalt gegen Frauen
Die "Pussyhat-Demonstrationen" sowie die "#MeToo"-Kampagne haben vielerorts die Diskussionen über Geschlechtergleichheit, Sexismus und männliche Übergriffe gegen Frauen maßgeblich vorangetrieben. Dies ist sowohl positiv als auch längst überfällig. Die überwiegende Mehrheit der Männer erlebt nämlich selten bis nie, dass sie tagtäglich und an jedem Ort belästigt, sexuell attackiert oder körperlich angegriffen werden. Frauen hingegen sehen sich dieser Realität ausgesetzt. Dieser fundamentale Unterschied macht die Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen unweigerlich zu einer Auseinandersetzung mit dem Konzept von Männlichkeit. Auch dies ist ein wichtiger und dringend notwendiger Schritt.
Die häufige Entgegnung "Nicht alle Männer" begegnet uns oft, insbesondere in sozialen Netzwerken. Selbstverständlich stimmt es, dass nicht jeder Mann Gewalt gegen Frauen anwendet – dies wurde auch niemals behauptet. Dennoch offenbart diese gängige Reaktion eine tiefere Problematik: Männer interpretieren die Debatte oft als eine pauschale Verurteilung ihrer Person und reagieren daraufhin häufig mit Verteidigungshaltung und Rechtfertigungen. Sie individualisieren das Thema Gewalt, empfinden es als persönlichen Angriff und verkennen dabei den eigentlichen Kern der Diskussion. Es geht vielmehr um eine kritische Betrachtung männlicher Verhaltensmuster, gesellschaftlicher Rollenbilder, bestehender Strukturen und Privilegien, die Gewalt gegen Frauen überhaupt erst begünstigen oder sogar ermöglichen.
Die Auseinandersetzung mit männlicher Gewalt gegenüber Frauen ist mit Schmerz verbunden. Für Frauen bedeutet sie, sich wiederholt öffentlich äußern und ihre Erlebnisse schildern zu müssen – oft unter dem Risiko, verspottet, verharmlost oder nicht ernst genommen zu werden. Doch auch für Männer kann sie schmerzhaft sein, sofern sie sich aktiv darauf einlassen und bereit sind, ihre eigene Rolle und Perspektive kritisch zu beleuchten. Hierbei geht es nicht darum, Schuldgefühle zu entwickeln, sondern vielmehr um die Übernahme von Verantwortung.
Gewalt gegenüber Frauen zeigt sich in diversen Formen: Sie kann körperlicher, psychologischer, sexualisierter, struktureller und institutioneller Natur sein. Zudem ist sie ein alltägliches Phänomen. Statistiken belegen, dass Frauen in Deutschland täglich damit konfrontiert sind. Im öffentlichen Raum werden sie angestarrt, verbal angegriffen, angepfiffen und auf ihr äußeres Erscheinungsbild reduziert. Sie werden belästigt, unsittlich berührt, begrabscht, angestarrt und bedrängt. In vielen Fällen kommt es auch zu Schlägen, Vergewaltigungen oder gar Morden. Dies sind weder bloße "Unannehmlichkeiten" noch "Komplimente", sondern eindeutige Grenzverletzungen und Formen der Gewalt.
Als Männer sind wir gefordert, uns selbst kritisch zu befragen: Wie sprechen wir eigentlich über Frauen? Welches Frauenbild haben wir internalisiert? Wie verhalten wir uns, wenn andere Männer abschätzige Kommentare oder Witze über Frauen äußern? Wann haben wir das letzte Mal die Hierarchie am Arbeitsplatz hinterfragt? Ist es uns schon einmal passiert, dass wir einer Frau widersprochen und sie dadurch zum Verstummen gebracht haben? Befanden wir uns bereits in einer Situation, in der ein Freund oder Kollege einer Frau gegenüber gewalttätig wurde und wir dies ignorierten?
Es ist an der Zeit, dass wir Männer uns wandeln. Nicht (allein) Frauen sind gefordert, sich anzupassen, sondern primär wir Männer. Wir müssen uns von überholten Rollenbildern lösen, die uns entweder zur Gewalt befähigen oder uns gegenüber ihr blind machen. Es ist nicht die Aufgabe der Frauen, uns zu "erziehen" oder Anweisungen zu geben. Vielmehr ist es unsere eigene Verantwortung, uns auf diesen Weg zu begeben, uns diesen Fragen zu stellen, uns selbst kritisch zu prüfen und aktiv an unserer Veränderung zu arbeiten.
Das Pochen auf Männerrechte stellt keine Antwort auf Frauenrechte dar. Die Stärkung von Frauenrechten führt keineswegs zum Verlust von Männerrechten; eine solche Behauptung ist irreführend und potenziell gefährlich. Wir Männer sollten stattdessen hinterfragen, warum uns die Diskussion um Frauenrechte so sehr verunsichert und schmerzt. Der Kernpunkt ist, Privilegien aufzugeben, die wir bisher als selbstverständlich erachtet haben. Dies ist ein schmerzhafter, jedoch unerlässlicher Prozess.
Die "#MeToo"-Debatte hat zahlreichen Frauen die Augen geöffnet und sie ermutigt, über ihre Erlebnisse zu berichten. Sie hat ihnen gezeigt, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht isoliert sind. Viele Männer haben im Zuge dieser Diskussion zugehört; einige haben irritiert abgewandt, während andere sich der Auseinandersetzung stellten und bereit sind, sich aktiv einzubringen. Genau hierin liegt der entscheidende Punkt.
Wir sind aufgerufen, uns zu fragen: Was bedeutet es, in der heutigen Zeit ein Mann zu sein? Wie kann eine Form von Männlichkeit gestaltet werden, die nicht an Gewalt geknüpft ist? Und welche Vorbilder möchten wir verkörpern? Die Zukunft der Geschlechtergerechtigkeit hängt maßgeblich auch von uns Männern ab. Dies ist unsere Verantwortung – eine positive und längst überfällige Herausforderung.