Künstliche Intelligenz: Eine Evolution statt einer wirtschaftlichen Revolution?
Obwohl Künstliche Intelligenz (KI) kein Phänomen der jüngsten Zeit ist, hat ihre gegenwärtige Leistungsfähigkeit ein bislang unerreichtes Niveau erreicht. Dennoch legen wir dar, warum dies voraussichtlich keine ökonomische Revolution auslösen wird.
In jüngster Zeit wurde intensiv über eine vermeintliche Revolution spekuliert, die uns die Künstliche Intelligenz bescheren soll. Diese Begeisterung ist nachvollziehbar, ermöglichen doch Tools wie ChatGPT und ähnliche Sprachmodelle Funktionen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar erschienen. Computer sind nun in der Lage, Texte zu verfassen, Bilder zu generieren und auf Anfragen in einer Weise zu antworten, die an intelligente Dialogpartner erinnert. Zweifellos ist dies faszinierend und von großem Nutzen.
Es bedarf jedoch einer präzisen Abgrenzung: Ist KI ein außerordentlich leistungsstarkes und nützliches Instrument? Absolut. Leitet sie hingegen eine ökonomische Umwälzung ein, die mit der Einführung der Dampfmaschine, der Elektrizität oder des Internets vergleichbar ist? Dies ist eher unwahrscheinlich.
Eine tiefgreifende wirtschaftliche Revolution geht über die bloße Effizienzsteigerung durch neue Technologien hinaus. Sie kennzeichnet sich durch fundamentale Veränderungen in den Rahmenbedingungen und eine vollständige Neugestaltung der Produktions- und Konsumptionsmethoden.
Betrachten wir beispielsweise die Dampfmaschine: Sie ermöglichte die Erzeugung mechanischer Energie an jedem Ort, an dem Wasser und Brennstoffe verfügbar waren. Dies führte zu einer revolutionären Umgestaltung der industriellen Fertigung, des Bergbaus und des Verkehrswesens. Eine dampfbetriebene Eisenbahn transportierte erheblich größere Frachtmengen in wesentlich kürzerer Zeit als ein pferdegezogener Wagen. Die Dampfmaschine beschränkte sich nicht darauf, bestehende Prozesse zu optimieren; sie veränderte das Ausmaß der menschlichen Produktion und sprengte geografische Beschränkungen.
Ein vergleichbarer Effekt zeigte sich bei der Elektrizität: Sie stellte schlagartig eine universell nutzbare Energiequelle dar, die über weite Distanzen übertragbar und allgegenwärtig einsetzbar war. Die Gestaltung von Fertigungsstraßen konnte nun grundlegend anders erfolgen als bei dampfbetriebenen Anlagen, die häufig über Transmissionsriemen an eine zentrale Maschine gekoppelt waren. Zudem ermöglichte sie Beleuchtung in der Dunkelheit und Fernkommunikation. Die Einführung der Elektrizität war eine wahrhafte Revolution.
Ebenso bewirkten Computer und das Internet fundamentale Transformationen. Beispielhaft ist die Möglichkeit, Informationen nahezu kostenfrei zu speichern, zu verarbeiten und zu verbreiten. Dies initiierte die Entstehung gänzlich neuer Geschäftsmodelle, die von digitaler Werbung bis zu sozialen Medien reichten und in ihrer damaligen Form unvorstellbar gewesen wären. Das Internet hat in der Tat unser Dasein in den vergangenen Jahrzehnten revolutioniert.
Welche Leistung erbringt die Künstliche Intelligenz im Kontrast dazu? Sie optimiert die Ausführung bereits etablierter Tätigkeiten. Sie vermag Daten umfassender zu analysieren, Texte zügiger zu generieren und Bilder exakter zu produzieren. Zweifellos sind all diese Fähigkeiten von großem Wert und Nutzen. Im Kern handelt es sich jedoch um eine Optimierung bestehender Abläufe.
Sprachmodelle wie ChatGPT nutzen enorme Mengen bereits vorhandener, menschlich generierter Daten. Die KI fungiert hierbei als ein äußerst effizienter Statistik-Algorithmus, der Muster in diesen Datensätzen identifiziert und auf neue Eingaben transferiert. Dies ist zwar hochkomplex und bemerkenswert, stellt jedoch keine neuartige Methode zur Erzeugung von Waren oder Dienstleistungen dar.
KI lässt sich als eine Metatechnologie beschreiben: Eine Innovation, die darauf abzielt, andere Technologien und Arbeitsprozesse zu verbessern und effizienter zu gestalten. Sie dient als hervorragendes Instrument zur Automatisierung und Beschleunigung spezifischer Aufgaben. Zweifelsohne wird sie zu einer Steigerung der Produktivität führen und die Arbeitsweise in zahlreichen Sektoren transformieren. Jedoch begründet sie keine völlig neuen Wirtschaftszweige, die nicht bereits in irgendeiner Form vorgegeben waren.
Ein Vergleich der potenziellen Auswirkungen von KI mit jenen der Dampfmaschine oder Elektrizität offenbart, dass KI keinen derart fundamentalen Wandel in Aussicht stellt. Während die Dampfmaschine die lokale Erzeugung mechanischer Kraft ermöglichte und Elektrizität ein globales Energieverteilungsnetz etablierte, schuf das Internet die Voraussetzung für die weltweite Informationsvernetzung. KI hingegen optimiert und präzisiert bereits etablierte Prozesse.
Wirtschaftswissenschaftler bezeichnen Technologien, die einen fundamentalen Umbruch auslösen, als "General Purpose Technologies" (GPTs). Dazu zählen klassischerweise die Dampfmaschine, Elektrizität sowie Computer und das Internet. Derartige Technologien sind derart universell anwendbar, dass sie nahezu jeden Wirtschaftsbereich durchdringen und umgestalten.
Ob KI als GPT einzustufen ist, hängt von ihrer Definition ab. Betrachtet man sie als ein Instrument zur Optimierung zahlreicher bestehender Abläufe, erscheint sie eher als eine leistungsstarke Spezialtechnologie. Diese ist zwar in vielen Sektoren von Nutzen, entfaltet jedoch nicht die umfassende Wirkung, die frühere GPTs charakterisierte.
Unbestreitbar wird die Künstliche Intelligenz die Produktivität erhöhen, neue Berufsfelder eröffnen und bestehende transformieren. Sie wird uns Fähigkeiten verleihen, die heute noch kaum vorstellbar sind. Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass sie eine ökonomische Evolution darstellt – eine fortschreitende Entwicklung und Verfeinerung vorhandener Strukturen – und keine revolutionäre Umgestaltung, die alles auf den Kopf stellt. Die tiefgreifenden Umbrüche, welche echte GPTs mit sich brachten, sind in dieser Dimension von der KI nicht zu erwarten. Sie ist ein hervorragendes Instrument, jedoch kein magischer Stab, der die gesamte Wirtschaftslandschaft über Nacht neu konfiguriert.