Koalitionsstreit spitzt sich zu: FDP greift SPD-Chef wegen Energiepreis-Vorschlag an
Der Disput innerhalb der Ampel-Koalition über die Finanzierung von Entlastungsmaßnahmen in der Energiepreiskrise hat sich weiter zugespitzt. Auslöser war ein Vorschlag des SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil, der eine stärkere Beteiligung von Spitzenverdienern und Unternehmen mit hohen Gewinnen zur Finanzierung forderte.
Klingbeil äußerte sich am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Anne Will" und schlug eine "sozialer Zusammenhalt"-Abgabe vor. Er argumentierte, dass in einer Zeit hoher Belastungen durch Energiepreise und Inflation, in der normale Arbeitnehmer und Rentner Einbußen hinnehmen müssten, jene mit sehr hohen Einkommen oder Unternehmen mit übermäßigen Gewinnen einen größeren Beitrag leisten sollten. Dies sei eine Frage des sozialen Zusammenhalts, so der SPD-Chef. Er betonte, die SPD wolle die Menschen nicht weiter belasten, sondern diejenigen stärker in die Pflicht nehmen, die in der Krise nicht nur keine Verluste hätten, sondern sogar hohe Gewinne verzeichneten.
Die Reaktion der FDP ließ nicht lange auf sich warten. FDP-Generalsekretärin Bijan Djir-Sarai kritisierte Klingbeils Vorstoß scharf und warf ihm vor, eine Neiddebatte zu schüren. "Deutschland braucht einen starken Mittelstand und ein starkes Handwerk, um die Wirtschaft in dieser Krise zu stabilisieren. Wir brauchen keinen Klassenkampf, wir brauchen Lösungen", erklärte Djir-Sarai. Sie betonte, die FDP stehe für zielgerichtete Entlastungen statt für weitere Steuererhöhungen, die Investitionen gefährden und Arbeitsplätze bedrohen würden.
Auch der Bundesfinanzminister und FDP-Vorsitzende Christian Lindner hatte sich bereits zuvor vehement gegen eine Erhöhung der Einkommensteuer ausgesprochen und warnte vor "sozialistischen Experimenten" im Kampf gegen die Inflation. Lindner wiederholte am Montag seine ablehnende Haltung gegenüber einer Vermögensteuer oder anderen Steuererhöhungen.
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hielt sich bei der Frage, ob er Klingbeils Vorschlag unterstütze, eher bedeckt. Er verwies auf die bereits verabschiedeten Entlastungspakete im Umfang von 95 Milliarden Euro und betonte die Notwendigkeit, zielgerichtete Maßnahmen zu ergreifen. Er sagte lediglich, dass es wichtig sei, "sehr präzise zu sein", wenn man über Entlastungen rede, und verwies auf die bereits getroffenen Entscheidungen. Eine direkte Unterstützung von Klingbeils Idee der "sozialer Zusammenhalt"-Abgabe vermied er jedoch.
Die Grünen zeigten sich hingegen offener für ähnliche Überlegungen. Ricarda Lang, Bundesvorsitzende der Grünen, hatte bereits zuvor die Möglichkeit einer Übergewinnsteuer in Erwägung gezogen, zeigte sich aber kritisch hinsichtlich der genauen Ausgestaltung. Sie forderte eine transparente und willkürfreie Definition von "unangemessen hohen" Gewinnen. Ein Konzept dafür müsse zunächst erarbeitet werden.
Der Konflikt verdeutlicht die unterschiedlichen Ansätze innerhalb der Regierungskoalition bei der Bewältigung der Energiepreiskrise und der Verteilung der Lasten. Während SPD und Grüne bereit sind, über eine stärkere Belastung von Hochverdienern und profitablen Unternehmen nachzudenken, lehnt die FDP Steuererhöhungen kategorisch ab und plädiert für zielgerichtete Hilfen und eine Stärkung der Wirtschaft durch weniger Belastung.