Kindheit in Armut: „Mitleid empfinde ich als das Schlimmste“
Julia Pöhn, 39 Jahre alt, reflektiert in ihrem Wiener Büro über die prägenden Jahre ihrer Kindheit. Ihr Arbeitsplatz ist bescheiden: ein einfacher Schreibtisch, ein Monitor, eine Tasse Kaffee. Für Außenstehende unscheinbar, birgt dieser Ort die Geschichte einer Frau, die aus einer Umgebung des reinen Existenzkampfes emporgestiegen ist. Sie hat es scheinbar geschafft, sich ein stabiles Leben mit Familie und eigenem Unternehmen aufzubauen. Dennoch hat die Erfahrung der Armut tiefe Spuren in ihrem Denken und Fühlen hinterlassen, die sie bis heute begleiten.
Ihre Geschichte nimmt ihren Ursprung in einem ländlichen Dorf. Pöhn erinnert sich, dass ihre Eltern stets von der Sorge geplagt waren, nicht genügend Mittel zu besitzen. „Es war keine offensichtliche, sondern eine schleichende Verarmung“, erklärt sie. Der Vater verlor seine Arbeit und verfiel zusehends dem Alkoholismus, während die Mutter in Depressionen versank. Die familiäre Struktur zerbrach. Als Pöhn neun Jahre alt war, trennte sich die Mutter vom Vater und zog mit ihren drei Kindern in eine bescheidene Wohnung.
Die Mutter, eine ausgebildete Bürokauffrau, mühte sich mit wechselnden Anstellungen ab, um die Familie finanziell über Wasser zu halten. „Sie hat unermüdlich gekämpft“, bemerkt Pöhn anerkennend. Doch das Einkommen war stets knapp bemessen. „Obwohl immer nur sehr wenig Geld vorhanden war, empfanden wir dies nicht als Mangel, da es für uns Normalität darstellte. Meine Mutter verstand es hervorragend, die wahren Verhältnisse zu kaschieren.“ Lediglich kleine Details blieben Pöhn bis heute im Gedächtnis haften: die Unmöglichkeit, an Schulausflügen teilzunehmen, da die finanziellen Mittel fehlten, oder die stets aus zweiter Hand stammende Kleidung. „Ich empfand große Scham“, gesteht sie. „Mir wurde bewusst, dass die anderen Kinder anders lebten.“
Tiefer als der bloße Geldmangel wirkte sich die emotionale Belastung aus. „Wir wuchsen mit dem Gefühl auf, benachteiligt zu sein, einen Fehler darzustellen.“ Die Mutter war oft überfordert und zog sich zurück, was Pöhn als äußerst belastend empfand. „Ich versuchte, unauffällig zu bleiben.“ Sie eignete sich an, ihre eigenen Bedürfnisse zu verdrängen und niemanden um Unterstützung zu bitten – ein Verhaltensmuster, das sie bis heute prägt.
Was war die größte Furcht der jungen Julia? „Die Sorge, einmal das Schicksal meiner Mutter zu teilen“, antwortet sie. Dabei meinte sie nicht die finanzielle Situation, sondern vielmehr den emotionalen Zustand: die Angst, die Zuversicht zu verlieren und in Depressionen zu versinken. „Das war für mich das absolut Schlimmste.“ Ihr Antrieb war es, anders zu sein, widerstandsfähiger und erfolgreicher. „Bereits als Kind nahm ich mir vor, es besser zu machen.“
Tatsächlich gelang es ihr. Nach einer absolvierten Lehre holte sie die Matura nach und absolvierte ein Studium. Mittlerweile ist sie die Gründerin und Geschäftsführerin einer florierenden PR-Agentur. „Ich bin meinem inneren Kind zutiefst dankbar für diesen unbändigen Antrieb“, erklärt sie. Ohne diesen „Hunger nach Verbesserung“ hätte sie ihren heutigen Erfolg nicht erreichen können.
Auf die Frage nach dem Kontakt zu ihrer Mutter antwortet sie: „Ja, aber die Beziehung ist kompliziert.“ Es habe lange gedauert, bis sie erkennen konnte, dass ihre Mutter stets ihr Möglichstes getan hatte. Lange Zeit habe sie sich nicht geliebt gefühlt. „Diese Befreiung von diesem Gefühl war die größte Anstrengung, die ich bisher unternommen habe.“
Was empfindet sie als den schlimmsten Aspekt der Armut? „Mitleid“, betont sie. „Ich bin der Meinung, dass Mitleid das absolut Schlimmste ist.“ Stattdessen wünscht sie sich Achtung, Wertschätzung und Anerkennung. „Armut ist keine persönliche Wahl. Es handelt sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Niemand möchte in Armut leben.“
Pöhns Lebensweg stellt jedoch eine Ausnahme dar. Armutsforscher Martin Schenk von der Diakonie vergleicht die Erfahrung von Armut mit einem Trauma. „Es ist eine enorme Bürde, vergleichbar mit Missbrauch. Eine Form der Gewalterfahrung.“ Besonders Kinder sind hiervon betroffen. „Man ist nicht so sehr ein ‚self-made man‘, wie oft angenommen wird.“
Die psychologischen Auswirkungen sind beträchtlich. Dazu gehören Angstzustände, Depressionen, Schamgefühle, soziale Isolation und das Empfinden des Kontrollverlusts. „Sämtliche Energien müssen für das bloße Überleben aufgebracht werden“, erklärt Schenk. Kinder lernen dabei, ihre Bedürfnisse zu verbergen und keine Fragen zu stellen. „Das führt zu Krankheiten“, so Schenk.
Zusätzlich problematisch ist die generationsübergreifende Weitergabe von Armut. „Kinder aus armen Familien haben es auch als Erwachsene schwerer. Es ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf.“ Dies wird auch durch die traumatischen Erlebnisse verursacht, da „der Körper diese Erfahrungen speichert“. Die Konsequenzen können Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein. „Dies ist keine Frage des Bildungsgrades, sondern der Armut“, betont Schenk. Wer über geringe finanzielle Mittel verfügt, greift häufig zu preiswerten, aber oft ungesunden Lebensmitteln.
Darüber hinaus stellt Armut auch einen „Risikofaktor für psychische Krankheiten“ dar. Personen, die in Armut leben, weisen ein gesteigertes Risiko für Depressionen und Angststörungen auf. „Sie neigen dazu, sich zurückzuziehen und empfinden Scham.“
Daher plädiert Schenk für strukturelle Maßnahmen anstelle bloßer individueller Unterstützung. „Das Problem lässt sich nicht allein durch mehr Eigenverantwortung bewältigen.“ Notwendig sind eine stärkere Förderung von Familien, verbesserte Bildungsmöglichkeiten und ein Ausbau der sozialen Sicherungssysteme. „Armut ist keine Charakterschwäche, sondern ein strukturelles Problem.“
Julia Pöhn empfindet Erleichterung darüber, den Aufstieg gemeistert zu haben. „Ich habe so viel erreicht, weil ich es unbedingt wollte.“ Sie ist sich jedoch bewusst, dass nicht jeder Mensch über diese innere Stärke verfügt. „Man benötigt Glück, engagierte Lehrkräfte und Menschen, die an einen glauben.“ Heute engagiert sie sich aktiv in der Flüchtlingshilfe und unterstützt Frauen in Notlagen. „Ich möchte etwas zurückgeben“, erklärt sie.