KI-Champions schmieden: Europas ambivalente Industriepolitik
Es ist bemerkenswert, wie schnell sich politische Schwerpunkte verändern können. Noch vor der Corona-Pandemie galt Industriepolitik in Deutschland und Europa als weitgehend verpönt. Die Vorstellung, staatliche Bürokratie und Subventionen könnten Unternehmen effektiver auswählen und fördern als der freie Markt, wurde als überholt betrachtet. Hierfür gab es stichhaltige Argumente, da sich die Strategie des "Erfolgreiche identifizieren" über Jahrzehnte hinweg häufig als "Verlierer auswählen" entpuppte. Doch seit dem Aufkommen des Virus und der nachfolgenden Energiekrise haben sich die Gegebenheiten grundlegend verändert.
Der Staat ist mit Nachdruck zurückgekehrt. Er subventioniert energieintensive Unternehmen, unterstützt die Halbleiterproduktion und strebt in Berlin und Brüssel sogar die Schaffung globaler Spitzenreiter im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) an. Das zugrunde liegende Konzept ist eindeutig: Europäische oder zumindest auf dem Kontinent agierende Firmen sollen von europäischen Steuergeldern sowie privaten Investitionen profitieren, um zu expandieren und mit den führenden amerikanischen und chinesischen Technologiekonzernen konkurrieren zu können.
Jüngste Beispiele dieser Bestrebungen sind die kanadisch-amerikanische Firma Cohere und das deutsche Unternehmen Aleph Alpha. Beide entwickeln Large Language Models (LLMs), eine Schlüsseltechnologie der aktuellen KI-Revolution. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck verkündete vergangene Woche, dass sein Ministerium die Heidelberger Firma Aleph Alpha mit einer halbe Milliarde Euro unterstützen wird. Diese Summe stammt aus privaten Investitionen und dem Zukunftsfonds der Bundesregierung. Finanzierungspartner ist SAP, wobei die Hälfte des Betrags aus dem staatlichen Fonds bereitgestellt wird. Es handelt sich um die größte Wagniskapitalrunde in der deutschen Historie, und der deutsche Staat beteiligt sich maßgeblich.
Ähnliches gilt für Cohere. Obwohl sich hier nicht die Regierungen Kanadas oder der Vereinigten Staaten direkt beteiligen, stammt der Großteil der Mittel (270 Millionen Dollar) vom globalen Technologiekonzern Nvidia, einem Chiphersteller. Ebenfalls involviert sind jedoch staatliche oder staatsnahe europäische Einrichtungen wie die Schweizer Vermögensverwalterin Swisscom Ventures und das staatliche Pensionskassen-Management des Königreichs Saudi-Arabien. Die Europäische Investitionsbank, die sich im Eigentum der EU-Mitgliedstaaten befindet, ist ebenfalls mit 200 Millionen Euro beteiligt.
Politiker in Berlin und Brüssel zeigen sich sichtlich enthusiastisch über die Vorstellung, mit diesen Engagements nicht nur die Wertschöpfung in Europa zu sichern, sondern auch die digitale Souveränität zu festigen. Die dahinterstehende Argumentation besagt, dass Europa eigene Technologien entwickeln und steuern muss, um nicht von externen Akteuren abhängig zu werden. Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager, die ansonsten eher vor Protektionismus warnt, betonte sogar die Notwendigkeit, neue europäische "Tech-Champions" hervorzubringen. Gleichzeitig mahnte sie jedoch vor dem Risiko, dass Industriepolitik in bloßen Subventionen münden könnte, die den Wettbewerb unterbinden.
So nachvollziehbar der Wunsch nach digitalen Champions auch sein mag, so erheblich sind doch die damit verbundenen Herausforderungen und Risiken. Zunächst einmal: Wie bereits in den 1980er-Jahren, als Versuche scheiterten, europäische Computer- und Chiphersteller zu etablieren, ist es äußerst schwierig vorherzusagen, welche Technologien und Unternehmen sich langfristig durchsetzen werden. Damals unterlagen die europäischen Firmen der Konkurrenz aus den USA und Asien, die schlichtweg überlegenere und kostengünstigere Produkte auf den Markt brachte.
Zweitens: Der Wettbewerb ist gewaltig. Google und Microsoft investieren jährlich zig Milliarden in die KI-Forschung und -Entwicklung. Sie verfügen über die talentiertesten Fachkräfte und die umfangreichsten Datenmengen. Eine halbe Milliarde Euro für Aleph Alpha mag für ein deutsches Start-up eine beträchtliche Summe darstellen, doch im weltweiten Vergleich ist dies ein relativ bescheidener Betrag. Selbst wenn europäische Staaten zehn Milliarden investieren würden, wäre dies immer noch ein Bruchteil dessen, was die amerikanischen Technologiegiganten aufbieten können.
Drittens: Selbst wenn man davon ausgeht, die passenden Unternehmen ausgewählt zu haben, stellt sich die Frage, ob diese Firmen tatsächlich europäisch bleiben werden. Cohere, trotz seiner kanadischen Ursprünge, ist fest in den USA verwurzelt und bezieht einen Großteil seiner Investitionen von dort. Die Beteiligung der Europäischen Investitionsbank sendet zwar ein politisches Signal aus, doch im Wesentlichen ist Cohere ein nordamerikanisches Unternehmen. Aleph Alpha könnte in Zukunft, sobald es an Größe gewinnt, einem ähnlichen Übernahmedruck ausgesetzt sein. Der Traum von europäischen Champions könnte somit rasch verfliegen.
Viertens: Die Gefahr der Entstehung von "nationalen" oder "europäischen" Vorzeigeunternehmen, die einzig aufgrund staatlichen Schutzes und Subventionen überleben, ist erheblich. Können diese Firmen ohne dauerhafte finanzielle Förderung nicht auf dem Weltmarkt bestehen, verpufft die Wirkung der Industriepolitik. Anstatt global wettbewerbsfähige Innovationen hervorzubringen, würden Subventionen lediglich dazu dienen, eine künstlich am Leben gehaltene Industrie zu finanzieren.
Fünftens: Ist die gewählte Strategie überhaupt zielführend? Anstatt selbst große Sprachmodelle entwickeln zu wollen, deren Führung ohnehin in den USA liegt, könnten sich Europa und Deutschland auf spezielle Anwendungen und Nischenmärkte konzentrieren. Deutschland verfügt über zahlreiche mittelständische Unternehmen, die hochspezialisierte Software und Lösungen entwickeln. Dort könnte KI einen echten Mehrwert schaffen und Europas Position stärken, ohne in einem aussichtslosen Wettlauf mit amerikanischen Großkonzernen zu enden.
Die Anstrengungen, in KI zu investieren und eine Industriepolitik zu verfolgen, sind per se nicht verkehrt. Es ist absolut korrekt und von Bedeutung, die Relevanz dieser Technologie anzuerkennen. Doch die gewählte Vorgehensweise birgt erhebliche Risiken. Ohne eine präzise Strategie, die über reine Subventionen hinausgeht und sich auf tatsächliche Wettbewerbsvorteile konzentriert, könnte die "künstliche Industriepolitik" im Bereich KI letztlich in einem kostspieligen Misserfolg enden. Europa sollte aus früheren Erfahrungen lernen und nicht erneut versuchen, die Champions von morgen mit den Mitteln von heute "zu kreieren", wenn der Markt dies nicht eigenständig leistet.