Jana Hensel, eine namhafte ostdeutsche Intellektuelle, kritisiert in ihrem jüngsten Werk scharf die Tendenz vieler Ostdeutscher, sich in einer Opferrolle zu sehen – eine Haltung, zu der sie selbst in früheren Publikationen unwillentlich beigetragen hat. Ihr neues Buch "Es war einmal ein Land" ist eine schonungslose Bestandsaufnahme des Lebens in der ehemaligen DDR und der komplexen Erfahrungen nach der Wiedervereinigung. Es soll helfen, festgefahrene Perspektiven aufzubrechen. Der suggestive Titel des Buches erinnert an eine vergangene Ära und dient gleichzeitig als klare Aufforderung, die kollektive Opferhaltung zu überwinden. Hensel plädiert eindringlich dafür, das andauernde Lamentieren einzustellen und sich stattdessen auf die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten zu konzentrieren. Sie betont, dass es an der Zeit sei, über die reine Kritik an den post-Wende-Verhältnissen hinauszugehen. Während ihr früheres, vieldiskutiertes Werk "Zonenkinder" noch eine Mischung aus Ostalgie und dem Gefühl der Enteignung vermittelte, unternimmt sie nun den Versuch, eben diese Fixierung auf Verlusterfahrungen abzulegen. Hensel kritisiert die ständige Rückschau, die eine Weiterentwicklung behindert, und fordert stattdessen eine proaktive Auseinandersetzung mit der Gegenwart und Zukunft. Die Autorin sieht die Ostdeutschen nicht als passive Leidtragende der Geschichte, sondern als Individuen, die trotz aller Schwierigkeiten aktiv ihren Weg gesucht und gefunden haben. Viele Chancen wurden ergriffen, zahlreiche Lebensläufe erfolgreich neu ausgerichtet. Hensels Buch versteht sich als eine tiefgehende Aufarbeitung der Transformation nach 1989, die die individuellen und kollektiven Bewältigungsstrategien in den Vordergrund rückt. Hensel beleuchtet die oft eklatante Diskrepanz zwischen dem "Wende-Mythos" der Befreiung und der vielschichtigen Realität einer kollektiven Umstrukturierung. Sie beschreibt die Situation nach der Wiedervereinigung als eine Art "Eroberung" des Ostens durch den Westen, bei der die ostdeutschen Erfahrungen und Leistungen oft marginalisiert wurden. Kritisch hinterfragt sie auch die oft arrogante und von mangelndem Verständnis geprägte Haltung des Westens. Der Osten sei zu oft als bloßes "Anbaugebiet" oder Problemzone wahrgenommen worden, anstatt als gleichwertiger Teil eines geeinten Deutschlands. Hensel fordert hier eine grundsätzliche Änderung der Perspektive und eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Geschichte beider Seiten. Mit ihrem Buch reiht sich Hensel in eine Gruppe von ostdeutschen Intellektuellen ein, die sich mutig und selbstkritisch mit der eigenen Herkunft und Identität auseinandersetzen. Sie gesteht eigene Fehleinschätzungen ein und betont die Notwendigkeit, sich der eigenen Geschichte ehrlich zu stellen, um daraus für die Zukunft zu lernen. Ihr Werk ist keineswegs als bedingungsloses Bekenntnis zu westlichen Strukturen oder Lebensentwürfen zu verstehen, sondern vielmehr als eine dezidiert selbstkritische Analyse. Es ist ein Plädoyer dafür, sich nicht in der Vergangenheit zu verlieren, sondern den Blick nach vorne zu richten und die eigene Zukunft aktiv und selbstbestimmt zu gestalten. Jana Hensel fordert die Ostdeutschen auf, "erwachsen zu werden" und die Attitüde des Opfers endgültig abzulegen. Nur so könnten sie ihre spezifische Geschichte als vollwertigen und integralen Bestandteil der gesamtdeutschen Historie anerkennen und konstruktiv in das große Ganze einbringen. Zusammenfassend ist "Es war einmal ein Land" ein äußerst bedeutsamer Beitrag zur gesamtdeutschen Debatte. Es eröffnet neue, dringend benötigte Perspektiven und ermutigt zur Selbstermächtigung. Das Buch stellt einen essenziellen Schritt dar, um alte Wunden zu heilen und eine tragfähige, gemeinsame Zukunft für Deutschland zu gestalten.