Iranisches Engagement in Nordafrika: Der Gazakrieg als Katalysator für eine neue Konfliktfront
Experten prognostizierten nach dem Hamas-Angriff auf Israel im Oktober 2023 eine rasche Eskalation des Nahostkonflikts, was sich bestätigt hat. Nun weisen europäische und westliche Geheimdienste sowie Sicherheitsbehörden auf eine weitere Konsequenz hin: Angesichts der verschärften Lage im Nahen Osten zeigt der Iran anscheinend ein verstärktes Engagement in Nordafrika und der Sahelzone.
Für Teheran könnte diese Region zu einer neuen strategischen Achse avancieren. Hinweise darauf liefern unter anderem Informationen über den Gebrauch iranischer Drohnen im Sudan-Krieg sowie eine frische diplomatische Offensive des Irans in der Gegend. Beobachter befürchten, dass die bereits instabilen Staaten Nordafrikas und der Sahelzone sich in einen verdeckt geführten Konfliktschauplatz zwischen regionalen und globalen Akteuren verwandeln könnten.
Der Iran soll gemäß Berichten des Wall Street Journals aus westlichen Sicherheitskreisen Drohnen an die sudanesische Armee (SAF) geliefert haben, die sich in einem Konflikt mit den Rapid Support Forces (RSF) befindet. Diese Drohnen, namentlich Mohajer-6 und Ababil-3, sind bereits in anderen Konfliktregionen wie der Ukraine oder im Jemen zum Einsatz gekommen. Diese Erkenntnisse haben europäische und US-amerikanische Geheimdienste alarmiert. "Die Nutzung iranischer Drohnen durch die SAF ist eine alarmierende Entwicklung", äußerte sich ein namentlich nicht genannter US-Sicherheitsbeamter gegenüber dem Wall Street Journal. Er fügte hinzu, dass dies die Instabilität der Region erheblich verschärfen könnte.
Nach Ansicht von Konfliktexperten stellen die Mohajer-6-Drohnen, welche die SAF seit Januar einsetzt, eine entscheidende Wende im Sudan-Krieg dar. Diese unbemannten Flugobjekte ermöglichen es der Armee, genaue Angriffe auf die RSF-Positionen zu fliegen und ihre Flugabwehr zu überwinden. Der Nahostexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin kommentierte gegenüber tagesschau.de: "Ohne die Mohajer-6 hätte die SAF ihre Stellungen in Omdurman höchstwahrscheinlich nicht halten können. Dies war ein Game-Changer."
Die jüngste strategische Ausrichtung des Iran auf Nordafrika und die Sahelzone ist nicht neu. Historisch pflegte der Iran gute Beziehungen zu Ländern wie dem Sudan, Algerien und Libyen, die jedoch nach der Zerstörung der iranischen Botschaft in Saudi-Arabien 2016 und der damit verbundenen diplomatischen Eiszeit abbrachen. Mit einer Normalisierung der Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, vermittelt durch China, scheint Teheran seine diplomatischen Bemühungen in der Region wieder aufzunehmen.
Ein Treffen zwischen dem sudanesischen General Abdel Fattah al-Burhan und dem iranischen Außenminister Hossein Amir-Abdollahian im Oktober 2023 in New York markierte einen Wendepunkt. Kurz darauf flog al-Burhan, der als Regierungschef des Sudan fungiert, zu einem Staatsbesuch nach Teheran. Seitdem haben sich die Beziehungen wieder intensiviert. Steinberg sieht darin eine Wiederbelebung alter Achsen: "Die Islamische Republik versucht, alte Achsen, die unter anderem durch den Konflikt mit Saudi-Arabien unterbrochen wurden, wieder aufleben zu lassen."
Der Gaza-Krieg verstärkt das iranische Interesse an der Schaffung einer neuen Front in Nordafrika zusätzlich. Steinberg erläutert: "Der Iran möchte einen 'Ring des Feuers' um Israel und die USA legen, was sich im Nahen Osten bereits manifestiert, jetzt aber auf Nordafrika ausgeweitet wird." Ein zentrales Motiv für den Iran ist die antiwestliche Haltung. Durch das Schüren von Unruhen in Nordafrika könnte der Iran von den Herausforderungen der Länder der Region profitieren und so westliche Einflüsse reduzieren. Zudem bieten solche Regionen ideale Möglichkeiten zur Umgehung von Sanktionen.
Für den Iran geht es nicht nur um geopolitische Einflussnahme, sondern auch um wirtschaftliche Vorteile. Der Verkauf von Waffensystemen an afrikanische Länder, die aufgrund ihrer eigenen Sanktionen oder knappen Budgets Schwierigkeiten haben, an westliche Rüstungsgüter zu gelangen, stellt ein lukratives Geschäft dar. Im Gegenzug könnten diese Staaten wichtige Rohstoffe liefern.
Experten wie Steinberg warnen vor den Risiken dieser Entwicklungen. Sollte der Iran seine Strategie in Nordafrika und der Sahelzone fortsetzen, könnten die ohnehin fragilen Staaten der Region in einen verdeckten Stellvertreterkrieg hineingezogen werden, ähnlich den Konflikten im Jemen oder im Libanon. Dies könnte zu einer weiteren Destabilisierung führen, politische Machtkämpfe verstärken, die Sicherheit beeinträchtigen und massive Flucht- und Migrationsbewegungen auslösen. "Es gibt bereits unzählige Konflikte in der Region, und Iran fügt dieser Gemengelage eine neue Dimension hinzu", so Steinberg. "Die westliche Welt muss sich auf eine weitere Schachpartie des Irans einstellen, die dort schon seit Längerem vorbereitet wird."