Ich bin der Staat: Eine bürgerschaftliche Reflexion
Die oft gebrauchte Formulierung «Der Staat sollte eigentlich...» verweist auf ein tief verwurzeltes Missverständnis unserer Gesellschaft. Sie deutet darauf hin, als handele es sich beim Staat um eine von uns unabhängige Instanz, die zur Behebung von Mängeln berufen ist. Diese Denkweise, bei der wir die Verantwortung nach aussen verlagern, birgt jedoch die Gefahr, unser eigenes bährenwertes Handeln zu untergraben.
Der Staat existiert nicht als eine abstrakte oder gar übernatürliche Einheit. Er ist vielmehr die kollektive Summe von uns allen: die Bürgerinnen und Bürger, die wir ihn durch unser Handeln, unsere Institutionen und unsere Entscheidungen formen. Die Idee, dass wir selbst der Staat sind, ist grundlegend für eine funktionierende Demokratie. Bereits in der Antike, insbesondere in der direkten Demokratie Athens, war es unerlässlich, dass jeder Bürger seine Rolle als aktiver Teil des Gemeinwesens anerkannte. Obwohl unsere moderne Demokratie repräsentativer Natur ist, bleibt dieses fundamentale Prinzip bestehen.
Die Tendenz, die Verantwortung ausschliesslich an Politiker, Parteien oder das «System» abzugeben, führt dazu, dass sich viele Menschen ohnmächtig und von den politischen Prozessen entfremdet fühlen. Doch selbst alltägliche Handlungen wie das korrekte Entsorgen von Abfall, das Befolgen von Verkehrsregeln oder die aktive Teilnahme an öffentlichen Debatten sind Beiträge zur Aufrechterhaltung und Gestaltung unseres Gemeinwesens. Diese scheinbar kleinen Beiträge kumulieren sich und prägen die Qualität des staatlichen Zusammenlebens.
Wenn wir uns vom Staat distanzieren und ihn als eine externe, manchmal sogar feindselige Grösse betrachten, schwächen wir nicht nur die Demokratie, sondern auch unsere eigene Handlungsfähigkeit. Die meisten Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, sind kollektiver Natur und erfordern folglich auch kollektive Lösungsansätze und eine geteilte Verantwortung. Es ist ineffizient und oft vergeblich, auf eine externe Instanz zu warten, die «es» richtet, während die Ursache und die Lösung oft in unserem eigenen Verhalten liegen.
Eine lebendige und widerstandsfähige Demokratie hängt davon ab, dass ihre Bürgerinnen und Bürger die Erkenntnis verinnerlichen, dass sie selbst der Staat sind. Die Erfolge und Misserfolge unseres Gemeinwesens sind untrennbar mit unseren eigenen Handlungen und unserer Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, verbunden. Es ist eine fortlaufende Aufgabe, diese kollektive Eigenverantwortung zu pflegen und aktiv zu leben.