Die Ausstellung „Hinter Mauern. Queere Kunst in der DDR“ in den Reinbeckhallen beleuchtet einen bisher wenig beachteten Aspekt der ostdeutschen Kunstgeschichte. Sie zeigt, wie sich queere Lebensrealitäten und Identitäten in Werken aus dieser Zeit widerspiegelten, oft durch feine Andeutungen und subversive Mittel. Eröffnet wurde die Präsentation am 13. März in den Reinbeckhallen, welche die Schau konzipiert und realisiert haben. Es ist die erste ihrer Art, die sich der queeren Kunst in der DDR widmet und eine Forschungslücke in der Kunst- und Queer-Geschichte schließt. Die Kuratoren Leonie Baumann und Christoph Tannert haben für die Ausstellung 102 Werke von 59 Künstlerinnen und Künstlern zusammengetragen. Darunter befinden sich bekannte Namen wie Jürgen Wittdorf, aber auch weniger prominente wie Herbert Strecha oder Gabriele Stötzer, die alle mit den Mechanismen des real existierenden Sozialismus umgehen mussten. Die Kunstwerke umfassen Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Grafiken und Filme, die bis zum 25. August 2024 zu sehen sein werden. Die Rolle der Kunst in der DDR war primär die der Staatskunst, die den Sozialismus verherrlichen und optimistische Bilder von Arbeitern und gesellschaftlichem Fortschritt zeichnen sollte. Queere Themen passten nicht in dieses Bild der heteronormativen Gesellschaft. Trotzdem fanden Künstler Wege, ihre individuellen Erfahrungen und Wünsche auszudrücken, oft unter Einsatz von Metaphern, Symbolen und Codes, um die Zensur zu umgehen. Ein prägnantes Beispiel ist Wittdorfs Werk „Der Blick“, das einen jungen Mann in nachdenklicher Pose zeigt, eine Darstellung, die Fragen nach Sehnsucht und Freiheit aufwirft. Einige der in der Ausstellung präsentierten Werke stammen von Künstlern, die an staatlichen Kunsthochschulen ausgebildet wurden und sogar staatliche Aufträge erhielten. Dieser Umstand offenbart die Paradoxie des Systems: Der Staat förderte zwar künstlerische Ausbildung, aber die Künstler nutzten diese Plattformen auch für subtile Widerstandsformen. So wurden in einigen Fotografien und Malereien Intimität und Erotik in einer Weise dargestellt, die der offiziellen Doktrin widersprach, aber nicht direkt angreifbar war. Die Präsentation ist chronologisch angelegt und gliedert sich in verschiedene Bereiche. Beginnend mit den 1950er Jahren, wo queere Andeutungen noch stark kodiert waren, über die 60er und 70er Jahre, in denen eine zaghafte Öffnung stattfand, bis zu den 80er Jahren, wo die Themen offener behandelt wurden, kurz vor dem Mauerfall. Die Ausstellung verdeutlicht, dass queeres Leben in der DDR existierte und künstlerisch reflektiert wurde, auch wenn es im Verborgenen bleiben musste. Sie bietet eine faszinierende Perspektive auf die vielfältigen Facetten von Identität und Kreativität unter schwierigen politischen Bedingungen.