Deutschland ist intensiv auf der Suche nach Ersatz für russische Gaslieferungen. Die aktuelle Energieknappheit hat die Diskussion um die unkonventionelle Erdgasförderung, bekannt als Fracking, neu angefacht. Expertengremien äußern jedoch Bedenken, ob dadurch signifikante Gasmengen gewonnen werden könnten oder ob diese Methode zeitnah eine Alternative zu importiertem russischem Gas darstellen würde. Dieser Text bietet einen Überblick über die Auseinandersetzung, die Fördertechnologie und die potenziellen Vorkommen in Deutschland. Unlängst befürwortete beispielsweise der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) die Erforschung inländischer Lagerstätten, während der FDP-Vorsitzende Christian Lindner eine vorurteilsfreie Diskussion über Fracking einforderte. Der Energiegigant Wintershall Dea, dessen Mehrheitsanteile dem russischen Oligarchen Michail Fridman zuzuordnen sind, hatte in der Vergangenheit konstant für die Durchführung von Fracking-Bohrungen geworben. Im Gegensatz dazu lehnen andere Akteure, darunter Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), eine Reaktivierung des Frackings aufgrund der ökologischen Gefahren vehement ab. Unter Fracking (kurz für Hydraulic Fracturing) versteht man ein Verfahren, bei dem eine Mischung aus Wasser, Sand und chemischen Substanzen unter hohem Druck in tiefe geologische Formationen injiziert wird. Dies führt zur Entstehung von Rissen im Gestein, wodurch vormals eingeschlossenes Erdgas oder Erdöl freigesetzt und gefördert werden kann. Diese Methode wird insbesondere bei schwer erreichbaren Lagerstätten wie Schiefergestein (Schiefergas), Sandstein oder Kohleflözen angewendet. Aufgrund von Bedenken hinsichtlich potenzieller Umweltschäden – darunter die Kontamination von Trinkwasser, die Emission von Methan und das Risiko von seismischen Aktivitäten – wurde in Deutschland im Jahr 2017 ein Moratorium für die kommerzielle Gewinnung von unkonventionellem Erdgas mittels Fracking verhängt. Lediglich wissenschaftlich motivierte Probebohrungen sind unter strengen Auflagen gestattet. Die breite Mehrheit der deutschen Bevölkerung steht dem Fracking ablehnend gegenüber. Die gegenwärtige Energiekrise lässt sich durch Fracking nicht unmittelbar bewältigen. Der primäre Grund dafür ist die jahrelange Vorlaufzeit, bis aus neu erschlossenen Lagerstätten nennenswerte Gasmengen gewonnen werden könnten. Gemäß den Angaben des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG), eines Interessenverbands der Erdgas- und Erdölbranche, vergehen typischerweise fünf bis zehn Jahre, bis ein Gasfeld seine maximale Förderkapazität erreicht. Dies impliziert, dass selbst bei einer Aufhebung des Fracking-Moratoriums im Jahr 2022 mit einer kommerziellen Produktion frühestens ab 2027 zu rechnen wäre. Hierfür müssten jedoch schon heute die ersten Bohrlizenzen erteilt und die entsprechenden Genehmigungsprozesse in Gang gesetzt worden sein. Ferner würde eine komplette Infrastruktur für die Gewinnung und den Weitertransport des Gases fehlen, die erst errichtet werden müsste. Deutschland verfügt laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) über geschätzte 320 bis 2030 Milliarden Kubikmeter (Mrd. m³) technisch förderbares Schiefergas – eine Menge, die dem etwa 3- bis 20-fachen der jährlichen Gasproduktion aus konventionellen Quellen in Deutschland sowie dem 3- bis 20-fachen des deutschen Gasverbrauchs von 2021 entspricht. Im Kontrast dazu verweist die Deutsche Umwelthilfe (DUH) auf 2,3 Billionen Kubikmeter Erdgas im Untergrund, die als technisch förderbar eingestuft werden, wovon sich 1300 Milliarden Kubikmeter in Norddeutschland befinden. Eine im Jahr 2016 vom Umweltbundesamt veröffentlichte Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass selbst bei einer maximalen Förderintensität lediglich 5 bis 10 Prozent des damaligen jährlichen Gasbedarfs über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten hätten abgedeckt werden können. Bezogen auf den momentanen Verbrauch, welcher durch Einsparungen und milde Temperaturen reduziert wurde, könnten die potenziellen Mengen aus deutschem Fracking-Gas den jährlichen Bedarf nach Schätzung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags für maximal zwei bis drei Jahre decken. Deutschland verbleibt weiterhin in einer erheblichen Abhängigkeit von Gasimporten. Erdgas deckt gegenwärtig etwa 27 Prozent des primären Energiebedarfs ab, wobei dieser Anteil rückläufig ist. Vor dem Konflikt in der Ukraine war Russland der größte Gaslieferant, gefolgt von Norwegen und den Niederlanden. Ein zusätzliches Hindernis für die wirtschaftliche Nutzung von Fracking-Gas stellen die beträchtlichen Förderkosten dar. Wintershall Dea zufolge sind die Explorationsaufwendungen bis zu hundertfach höher als bei der Förderung konventionellen Erdgases. Erst ab einem Gaspreis von 60 bis 70 Euro pro Megawattstunde (MWh) würde Fracking überhaupt wirtschaftlich rentabel. Dieser Preis wurde im Dezember 2022 auf dem europäischen Spotmarkt unterschritten. Neben den ökologischen Gefahren, wie der potenziellen Grundwasserverunreinigung durch die Fracking-Flüssigkeit und der Freisetzung des potenten Treibhausgases Methan in die Atmosphäre, können Fracking-Bohrungen zudem seismische Aktivitäten auslösen. Hierbei handelt es sich zumeist um leichte Erschütterungen, die unterhalb der Schadensgrenze liegen. Dennoch führten sie in der Vergangenheit zu mitunter heftigen Protesten. Das in Deutschland bestehende Moratorium ist auch auf den erheblichen Widerstand der Bevölkerung zurückzuführen. Der Energiekrise sollte folglich durch eine Kombination aus Energiesparmaßnahmen, dem verstärkten Ausbau erneuerbarer Energiequellen und der Schaffung neuer Importkapazitäten, wie Flüssigerdgas-Terminals, begegnet werden – und nicht mit einer Technologie, deren potenzieller Nutzen begrenzt, die Risiken hoch und die gesellschaftliche Akzeptanz nahezu nicht vorhanden ist.