Gil Shohats Appell: Israel hat sich gewandelt – Die Linke muss ihre Position überdenken
Der renommierte israelische Komponist und Dirigent Gil Shohat, einst ein überzeugter Verfechter der Friedensbewegung, sieht sich gezwungen, seine Perspektive auf den Nahostkonflikt radikal zu ändern. Nach den verheerenden Ereignissen des 7. Oktober vertritt er die Ansicht, dass Israel einen existenziellen Kampf führt und die europäische sowie israelische Linke ihre bisherigen Standpunkte fundamental hinterfragen müssen.
Shohat, der in der Vergangenheit fest an eine Zweistaatenlösung glaubte, sieht diese Option angesichts der aktuellen Realitäten als nicht mehr realisierbar an. Er verweist auf die Gründungsurkunde der Hamas, die unverhohlen die Vernichtung Israels fordert und nach seiner Auffassung keinen Raum für ein friedliches Zusammenleben lässt. Die Brutalität der Angriffe vom 7. Oktober, die von der Absicht geleitet waren, jüdisches Leben auszulöschen und nicht nur Territorium zu erobern, markiere einen Wendepunkt.
Der Konflikt, so Shohat, habe sich von einem territorialen Streit zu einem existenziellen Überlebenskampf gewandelt. Er betont, dass die Hamas und Teile der Fatah das Ziel verfolgen, Israel zu zerstören, und vergleicht die Situation mit einer tödlichen Bedrohung durch einen Krebs. Im Gegensatz zu früheren Kriegen, in denen es noch Hoffnung auf Friedensverhandlungen gab, werde heute Israel das Recht auf Existenz abgesprochen.
Shohat äußert scharfe Kritik an Teilen der europäischen Linken, die seiner Meinung nach die Komplexität der Situation grundlegend missverstehen. Er wirft ihnen vor, die Hamas, eine terroristische Organisation, mit dem gesamten palästinensischen Volk gleichzusetzen und somit deren Gräueltaten nicht eindeutig zu verurteilen. Die Anschuldigungen des Völkermordes und der Apartheid gegen Israel seien kontextlos und dienten einer Dämonisierung des jüdischen Staates, wobei Anti-Zionismus oft zu Antisemitismus verkomme. Er beklagt, dass diese Strömungen die Bedrohung für Israel ignorieren und stattdessen den Aggressor unterstützen, anstatt Israel das Recht auf Selbstverteidigung zuzugestehen. Als Beispiele nennt er Politiker wie Jeremy Corbyn und Jean-Luc Mélenchon, deren Äußerungen eine beunruhigende Tendenz aufzeigten.
Auch die israelische Linke nimmt Shohat in die Pflicht. Er kritisiert ihre Naivität und Fehler der Vergangenheit, etwa im Zusammenhang mit den Oslo-Verträgen oder dem Rückzug aus dem Gazastreifen. Eine übermäßige Selbstkritik der israelischen Linken habe zudem dazu beigetragen, dass die internationale Kritik an Israel verstärkt wurde.
Die Vorstellung eines homogenen „palästinensischen Volkes“ hinterfragt Shohat. Er weist darauf hin, dass die Bevölkerung vielfältig sei, aber ein erheblicher Teil radikalisiert ist, wie die Wahlergebnisse der Hamas im Gazastreifen zeigten. Er kritisiert ferner die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen für ihre wahrgenommene Voreingenommenheit und Ineffektivität, wobei er die Rolle der UNRWA besonders hervorhebt.
Obwohl Shohat die Regierung Netanjahu kritisch sieht und deren Fehler in der Vergangenheit anerkennt, betont er die Notwendigkeit nationaler Einheit in der aktuellen Kriegszeit. Jetzt sei nicht der Zeitpunkt für interne Spaltungen, sondern für gemeinsamen Widerstand gegen die Bedrohung.
Für die Zukunft Israels sieht Shohat die Notwendigkeit einer kompromisslosen Stärke und die Unfähigkeit, sich auf den Schutz internationaler Instanzen zu verlassen. Der Slogan „Vom Fluss bis zum Meer“ sei eine direkte existenzielle Bedrohung, die ernst genommen werden müsse. Die Linke müsse die Realität anerkennen, dass Israel nur als starker jüdischer Staat bestehen kann, und dementsprechend ihre Haltung ändern.
Abschließend erneuert Shohat seinen Aufruf an die Linke, ihre Positionen grundlegend zu überdenken und eine neue, realistische Haltung einzunehmen, die der dramatisch veränderten Lage nach dem 7. Oktober gerecht wird.