Eine aktuelle Analyse des ifo Instituts, durchgeführt im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, beleuchtet ein zentrales Problem auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Für Geringverdiener lohnt sich Mehrarbeit kaum. Hohe Abzüge und der Wegfall von Sozialleistungen zehren den Großteil eines zusätzlichen Verdienstes auf, was den Anreiz, mehr Stunden zu arbeiten, erheblich mindert. Die Untersuchung verdeutlicht, dass beispielsweise eine alleinerziehende Person mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 1500 Euro, die zusätzlich zehn Stunden pro Woche arbeitet, am Ende lediglich 104 Euro mehr auf dem Konto hat. Das entspricht einem Netto-Stundenlohn von gerade einmal 10,40 Euro für die zusätzlich geleistete Arbeit. Im Vergleich dazu liegt der durchschnittliche Nettoverdienst pro zusätzlich gearbeiteter Stunde in Deutschland bei 22,80 Euro. Ähnlich ist die Situation bei einem Paar mit zwei Kindern und einem Nettoeinkommen von 2500 Euro: Wenn ein Partner zusätzlich zehn Stunden arbeitet, steigt das Nettoeinkommen nur um 156 Euro, was einem Stundenlohn von 15,60 Euro entspricht. Der Hauptgrund für diese geringen Nettozuwächse ist die hohe effektive Steuerlast. Für Personen mit niedrigem Einkommen, die auf Transferleistungen wie Wohngeld oder Kinderzuschlag angewiesen sind, kann diese Belastung, wenn man Steuern, Sozialabgaben und den Entzug der Leistungen zusammenrechnet, über 80 Prozent betragen. Dies bedeutet, dass von jedem zusätzlich verdienten Euro nur ein kleiner Bruchteil tatsächlich im eigenen Geldbeutel ankommt. Diese 'Abgabenfalle' oder 'Armutsfalle' ist ein wesentliches Hemmnis für die Erhöhung des Arbeitsumfangs. Das ifo Institut schlägt Reformen vor, um diese Situation zu verbessern. Dazu gehört die Reduzierung der sogenannten „Gleitzone“ – des Bereichs, in dem die Sozialleistungen schrittweise reduziert werden, wenn das Einkommen steigt. Ziel ist es, dass Arbeitnehmer von jeder zusätzlich geleisteten Stunde spürbar mehr Netto erhalten. Auch eine grundlegende Überarbeitung der Sozialleistungen wird gefordert, um die finanziellen Anreize für eine höhere Arbeitsbeteiligung zu stärken und somit die Erwerbstätigkeit attraktiver zu machen. Die Ampel-Koalition hat das Problem erkannt und eine Kommission eingesetzt, die sich mit der Reform des Systems von Steuern und Sozialleistungen befasst. Ihr Bericht wird Ende Juli erwartet und soll Vorschläge zur Entschärfung der 'Abgabenfalle' unterbreiten, damit sich Arbeit auch für Geringverdiener wieder mehr lohnt.