„Es ist mir ein Rätsel, warum nicht jeder Mensch von sich behauptet, ‚woke‘ zu sein“, äußert Christian Wulff, der von 2010 bis 2012 das Amt des Bundespräsidenten bekleidete. Er zeigte sich irritiert darüber, dass der Begriff „woke“ im öffentlichen Diskurs oft in einem abfälligen Kontext verwendet wird. Aus seiner Sicht bedeutet der Ausdruck „woke“ schlicht, wachsam für die Menschenwürde, für Gleichberechtigung, für Toleranz und für gegenseitigen Respekt einzustehen. Diese Werte seien, so Wulff, im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland an vorderster Stelle verankert. Es müsse doch als selbstverständlich erachtet werden, dass ein Individuum – egal ob es von seinen Eltern das Leben geschenkt bekam, seinen eigenen Lebensweg beschreitet, eine spezifische sexuelle Orientierung besitzt, mit oder ohne religiösem Hintergrund aufwächst oder mit verschiedenen Beeinträchtigungen zu kämpfen hat – niemals diskriminiert oder aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden darf. Diesen Grundsatz zu verteidigen, sei für ihn eine absolute Selbstverständlichkeit, betonte Wulff. Er stellte am Donnerstagabend an der Berliner Humboldt-Universität sein neues Werk „So geht Deutschland“ vor, welches sich mit den Themen Zusammenhalt und Polarisierung in der Gesellschaft auseinandersetzt. Wer diese Prinzipien vertritt, sei „woke“, während jene, die dies ablehnen, als „intolerant“ gelten würden, da sie andere Menschen diskriminierten und ausgrenzten. Wulff warnte davor, in eine „neue Intoleranz“ zu verfallen, indem man sich von der Bezeichnung „woke“ distanziert. Wulff würdigt Bemühungen wie die Initiative „Mensch zuerst“, die sich für die Belange von Menschen mit Behinderungen starkmacht und sich eine Veränderung der Sprache zum Ziel gesetzt hat. Er erinnerte daran: „Früher verwendete man Ausdrücke wie ‚krank‘ oder ‚verrückt‘ – das ist inakzeptabel. Eine angepasste Beschreibung ist zwingend erforderlich, um Menschen mit bestimmten Beeinträchtigungen nicht zu diskriminieren.“ Der Ex-Bundespräsident unterstrich, dass der Kampf für Gleichberechtigung ein durchgängiges Thema der Geschichte sei. Er nannte Beispiele wie die Abschaffung der Sklaverei, das Frauenwahlrecht oder den Widerstand gegen Antisemitismus. All dies seien Bestrebungen von Personen gewesen, „die die Augen geöffnet haben, die sich nicht wegducken wollten, wenn ein Großteil der Gesellschaft untätig blieb, und die stattdessen forderten: ‚Nein, hier muss sich etwas ändern‘“. Es sei oft nicht die Mehrheit gewesen, die „zivilen Mut“ bewiesen habe. „Woke“ sei heutzutage der passende Ausdruck dafür, „wachsam zu sein, um zu verhindern, dass Menschen ausgegrenzt werden“.