Europas majestätisches Wildtier wieder heimisch: Der Wisent, einst vom Aussterben bedroht, als Hoffnungsträger für die Umwelt?
Das imposante Erscheinungsbild eines Wisents, wie es eine Waldlichtung durchquert, war in den europäischen Forsten lange Zeit eine Rarität. Doch Europas größte einheimische Landsäugetierart, der Europäische Bison, hat seine Rückkehr vollzogen. Einst vom Aussterben bedroht, bewegen sich nun wieder über 7000 Individuen durch die Natur Europas – ein bemerkenswerter Triumph für den Schutz der Artenvielfalt. Aus diesem Grund hat die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) den Status des Wisents von "gefährdet" auf "potenziell gefährdet" herabgestuft.
Angesichts dieser Wiederansiedlung stellt sich die Frage: Trägt das imposante Tier zum Wohl der Natur bei? Agiert der Wisent als "Ökosystem-Ingenieur" oder als "Schlüsselart", die ihre Umgebung aktiv formt und dadurch die Artenvielfalt bereichert? Manche Forscher äußern hierbei Bedenken.
"Die gegenwärtige Lage, in der der Wisent vorrangig in Waldgebieten beheimatet ist, entspricht nicht seinem ursprünglichen Lebensraum", erläutert Dr. Nuria Selva, Forschungskoordinatorin am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW). Ursprünglich besiedelte der Wisent offene Waldregionen, Grasflächen und Steppen – eine vielfältige Landschaft, die er durch sein Fressverhalten prägte.
Intensive Jagd und der Verlust seiner Lebensräume im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert führten den Wisent an den Rand der Vernichtung. Die letzten wildlebenden Exemplare wurden 1927 in Polen und 1929 im Kaukasus erlegt. Die gesamte globale Population entwickelte sich aus lediglich zwölf Individuen, die in Zoos gehalten wurden.
Aktuelle Wiederansiedlungsvorhaben, etwa im deutschen Rothaargebirge oder in den rumänischen Südkarpaten, verzeichnen Erfolge. Die Herden reproduzieren sich und ihre Bestände nehmen zu. Nichtsdestotrotz bleibt die Debatte über ihre ökologische Funktion bestehen.
"Wir verfügen über Beweise dafür, dass Wisente in den Südkarpaten, wo sie in Waldbereichen leben, tatsächlich Bäume beschädigen, indem sie deren Rinde abfressen", so Selva. Dieses Verhalten hätten sie in ihrem ursprünglichen Habitat, das eine größere Vielfalt an Gräsern und Kräutern bot, in geringerem Maße gezeigt.
Wissenschaftliche Projekte, wie jene der Universität Freiburg und des Leibniz-IZW, erforschen das Fressverhalten sowie die Nutzung der Lebensräume durch Wisente. Erste Resultate legen nahe, dass Wisente, sofern sie die Gelegenheit dazu haben, Freiflächen bevorzugen und dort ihre "angestammte" Funktion als große Pflanzenfresser effektiver ausüben können.
Die Vorstellung mancher Umweltschützer, den Wisent als "Megaherbivor" zur Gestaltung halboffener Waldlandschaften zu nutzen, wird mit Zurückhaltung betrachtet. "Der Wisent hat über Jahrtausende hinweg Ökosysteme beeinflusst und geformt. Doch die heutigen Landschaften sind verändert, und wir müssen präzise beobachten, wie er sich an neue Gegebenheiten anpasst und welche Effekte daraus resultieren", warnt ein Forstexperte, der anonym bleiben möchte.
Ungeachtet der Diskussionen stellt die Wiederkehr des Wisents einen wichtigen Erfolg für den Artenschutz dar. Die Tiere repräsentieren ein Sinnbild gelungener Naturschutzbemühungen und ziehen als touristische Attraktion Besucher an. Ob sie jedoch in den gegenwärtigen, oftmals menschlich geprägten Landschaften tatsächlich als "Ökosystem-Ingenieure" die Artenvielfalt fördern oder möglicherweise negative Konsequenzen für die Forstwirtschaft haben könnten, bleibt ein Gebiet weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen.