In der Hauptstadt Berlin wird über die Einführung einer Ausbildungspflicht nachgedacht, die, falls nicht erfüllt, eine Art finanzieller Belastung für Betriebe nach sich ziehen könnte. Dies geht aus dem jüngst von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke unterzeichneten Koalitionsvertrag hervor. Der Vertrag formuliert die Absicht der Koalition, „die duale Berufsausbildung zu festigen und eine Ausbildungsfinanzierung mittels Umlagesystem, unter potenzieller Einbeziehung von Hochschulen, zu evaluieren und umzusetzen“. Das bedeutet im Detail: Firmen, die keine oder im Verhältnis zur Belegschaft unzureichende Auszubildende beschäftigen, könnten zur Entrichtung einer Gebühr, der sogenannten Azubi-Umlage, verpflichtet werden. Die daraus generierten Mittel würden in einen gemeinsamen Fonds geleitet, aus dem wiederum Betriebe gefördert werden, die zusätzliche Lehrstellen bereitstellen. Die übergeordnete Absicht ist die Steigerung der Ausbildungsplatzanzahl und somit die Bekämpfung des akuten Fachkräftemangels. Diese Konzepte sind keineswegs neu und finden regelmäßig Anklang bei politischen Entscheidungsträgern. Vergleichbare oder ähnliche Ansätze existierten bereits in anderen deutschen Ländern, beispielsweise in Brandenburg, wo Handelskammern befugt sind, eine Ausbildungsumlage für Firmen ohne Lehrlinge zu erheben. Ein Versuch auf Bundesebene im Jahr 2004 verlief ergebnislos, ebenso ein ähnlicher Vorschlag des damaligen Wirtschaftsministers Rainer Brüderle (FDP) im Jahr 2011. Insbesondere die Startup-Gemeinschaft in Berlin wird diesen Absichten voraussichtlich mit Besorgnis begegnen. Viele junge Firmen sind auf zügiges Wachstum ausgerichtet und tun sich schwer mit langfristigen Engagements, wie sie die Ausbildung von Fachkräften erfordert. Überdies sind die Arbeitsabläufe in Startups häufig sehr agil und nicht stets optimal auf traditionelle Ausbildungsberufe zugeschnitten. Auch der verwaltungstechnische Aufwand, der mit der Ausbildung einhergeht, stellt für etliche Startups eine beachtliche Herausforderung dar. „Falls diese Abgabe in Berlin tatsächlich eingeführt wird, würde dies eine erhebliche Belastung für den Wirtschaftsstandort Berlin darstellen“, mahnt beispielsweise Frank Salzgeber, der Präsident des Bundesverbands Deutsche Startups. „Es würde die dort ansässigen Startups im Standortwettbewerb benachteiligen und die Bereitschaft von Firmen, in Berlin zu gründen oder zu expandieren, mindern.“ Ebenso kritisch äußert sich die IHK Berlin: „Eine solche Ausbildungsumlage würde bereits ausbildende Unternehmen zusätzlich strapazieren und jene, die keine Auszubildenden beschäftigen, unter Druck setzen, ohne notwendigerweise eine Verbesserung der Ausbildungsqualität zu bewirken“, erklärt IHK-Präsident Jan Eder. „Statt auf Zwang setzen wir auf Anreize und Hilfestellungen für Betriebe, um eine freiwillige und engagierte Ausbildung zu fördern.“ Die exakte Höhe dieser Abgabe ist bislang nicht festgelegt. Im Zuge früherer Erörterungen wurde über monatliche Beträge von 300 bis 500 Euro pro fehlendem Auszubildenden spekuliert. Dies könnte insbesondere für kleinere Startups rasch zu einer beachtlichen finanziellen Bürde anwachsen. Verfechter der Azubi-Umlage führen an, dass es um eine gerechte Verteilung der Verantwortlichkeiten ginge. Da sämtliche Betriebe vom qualifizierten Nachwuchs profitierten, sei es nur fair, wenn sich alle an dessen Ausbildung beteiligten – sei es durch direkte Ausbildung oder durch einen finanziellen Beitrag. Diese Auseinandersetzung verdeutlicht erneut die Herausforderung, politische Ambitionen und ökonomische Gegebenheiten in Einklang zu bringen. Ob die Berliner Koalition ihr Vorhaben tatsächlich realisiert und welche Konsequenzen dies für die Wirtschaft und die Startup-Landschaft nach sich zieht, bleibt abzuwarten. Eines ist gewiss: Die Diskussion über die Azubi-Umlage wird uns noch längere Zeit beschäftigen.