Die Zemkes im Radsport: Jermaines Weg zum Profi unter Vaters Anleitung
An einem gewöhnlichen Mittwochabend kehrt Jens Zemke, der Sportliche Leiter des Teams Bora-hansgrohe, von einem dreiwöchigen Trainingslager auf Mallorca nach Hause zurück. In der Heppenheimer Küche der Familie Zemke erfüllt der Duft von frisch zubereiteter Pasta die Luft. Während der 57-jährige Vater die Soße anrührt, berichtet sein 15-jähriger Sohn Jermaine vom Küchentisch aus über seine aktuellen Erlebnisse im Radsport.
Seine sportliche Laufbahn nimmt derzeit einen äußerst positiven Verlauf. Als aktueller deutscher Juniorenmeister im Straßenrennen konnte er in der U17-Kategorie bereits fünf Saisonerfolge feiern. Für das kommende Jahr plant er den internationalen Einstieg in der U19. Dennoch ist der Übergang vom vielversprechenden Radsporttalent zum Berufsfahrer ein äußerst anspruchsvoller und langer Prozess. Jermaine ist sich dessen bewusst und weiß, welche Anstrengungen dafür nötig sind. „Es erfordert eine komplette Umstellung des Lebens und viel Einsatz“, erklärt er.
Diese Passion für den Radsport teilt er mit seinem Vater, Jens Zemke. Dieser war einst selbst Radprofi, etwa bei Teams wie Telekom und Agro Adler, bevor er eine lange Karriere als Sportlicher Leiter einschlug. Seit 2021 ist er Teil des Bora-hansgrohe-Teams, wo Größen wie Emanuel Buchmann, Maximilian Schachmann, Lennard Kämna und der frühere Weltmeister Peter Sagan unter Vertrag sind. Aus seinen vielfältigen Erlebnissen und tiefen Einblicken in die Welt der Profis kann er Jermaine wertvolle Ratschläge erteilen und ihn auf seinem Weg begleiten.
„Mein Vater muss mich oft bremsen, wenn ich übermütig werde“, gesteht Jermaine. Doch er versteht auch, dass in seinem Alter weniger manchmal mehr bedeutet. „Ich bin dankbar, dass er mir die richtige Richtung vorgibt“, ergänzt er. Der typische Druck, der oft entsteht, wenn Vater und Sohn dieselbe Leidenschaft teilen, ist bei den Zemkes offenbar nicht vorhanden. „Wir hatten deswegen noch nie einen Konflikt“, bestätigt Jens Zemke.
„Die Begeisterung und der Ehrgeiz für den Radsport kommen ganz klar von ihm selbst“, erklärt der Vater über seinen Sohn. Sein größter Wunsch ist es, dass Jermaine die Freude am Sport bewahrt, da dies „das Essentielle ist. Andernfalls ist die Laufbahn nur von kurzer Dauer.“ Jens Zemke, in Fachkreisen auch als „Zemkator“ bekannt, ist mit der Branche und ihren unzähligen Talenten, die es nie bis an die Spitze geschafft haben, bestens vertraut. „Es existieren tausende begabte Radfahrer, die nie den Profistatus erreichen.“ Daher lässt er seinen Sohn seinen eigenen Pfad beschreiten – druckfrei, aber mit der Kenntnis dessen, was eine vollständige Hingabe an den Radsport mit sich bringt.
Jermaine Zemke, der im Jahr 2023 für den hessischen Verein RSC Cottbus fährt und dort auch von seinem Vater trainiert wird, ist sich der notwendigen Bedingungen bewusst. „Talent allein reicht nicht aus; man muss auch die mentale Stärke besitzen“, erklärt er. Zudem, fügt er hinzu, „spielt auch das Glück eine entscheidende Rolle.“ Gemeint ist das Glück, im entscheidenden Augenblick die Aufmerksamkeit eines Teams zu erregen und zur rechten Zeit in Bestform zu sein.
Zwei- bis dreimal pro Woche absolviert der Schüler Trainingseinheiten auf der Bahn oder auf der Straße; ergänzend dazu kommen Kraft- und Stabilisationstraining. Die Wintermonate dienen ihm der akribischen Vorbereitung auf die im März beginnende Rennsaison. „Mein gesamtes Leben ist auf den Radsport ausgerichtet“, erklärt er, „doch die Schule hat daneben ebenfalls ihren Platz.“ Und die Bildung ist von großer Bedeutung, eine Tatsache, die sein Vater stets hervorgehoben hat. „Ein Notfallplan ist unerlässlich“, bemerkt Jens Zemke.
In der Ära seines Vaters sah die Situation noch anders aus. „Damals war alles noch etwas unorganisierter“, beschreibt Jens Zemke. Das Training erfolgte ohne Wattmessung, schlichtweg nach Gefühl. „Trainingspläne gab es nicht, vieles basierte auf Intuition“, erinnert er sich. Als er selbst Profi wurde, gab er seinen bisherigen Beruf einfach auf, um sich vollständig dem Radsport zu widmen. „Heute ist das anders; man muss im Vorfeld genau überlegen, was passiert, falls der Durchbruch nicht gelingt.“
Jermaine Zemke taucht derzeit in die Welt der Jugendrennen ein, welche ebenfalls von Sponsoren gefördert wird. Er gilt als aufstrebendes Talent, das in der hessischen Radsportszene bereits bekannt ist. Im Frühjahr steht für ihn die erste Reise mit seinem hessischen Team zu einem Trainingslager auf Mallorca an. Dies sind die anfänglichen Schritte in eine größere Radsportwelt, die ihn später womöglich nach Belgien oder Frankreich führen wird. Ein großer Traum Jermaines ist die Teilnahme an der „Tour de France“ und „irgendwann einen Etappensieg zu erringen“, so seine Worte.
Sein Vater wird ihn weiterhin auf diesem Pfad begleiten. „Unsere Bindung ist außergewöhnlich eng“, betont Jens Zemke. So könnte der Sportliche Leiter von Bora-hansgrohe im nächsten Jahr womöglich am Straßenrand stehen, wenn sein Sohn bei Rennen in Belgien an den Start geht. Der Weg zum professionellen Radfahrer ist lang, doch die Zemkes bilden auf dieser Reise ein perfekt eingespieltes Team.