Die wahre Natur des Politikbetriebs: Komplexer als Serienplots
Der politische Betrieb verläuft selten in geraden Bahnen, rational und logisch aufeinander aufbauend. Vielmehr stellt er eine Abfolge unvorhersehbarer Entwicklungen dar. Ähnlich einem Schneeball, der einen Hang hinabrollt, kann ein einzelner Vorfall weitreichende Konsequenzen entfachen. Ein kurzes Gespräch, eine allgemeine Stimmung, persönliche Befindlichkeiten oder eine unpassende Bemerkung, die an die falsche Stelle gelangt, können genügen, um ein augenscheinlich stabiles Team zu sprengen. Tatsächlich gleicht die Realität des Politikgeschäfts mitunter der Serie „House of Cards“.
Man könnte auch formulieren: Politik ist das Werk von Menschen, die, im Gegensatz zu Robotern, emotionale Wesen sind. Dies prägt maßgeblich das politische Geschehen. Persönliche Eitelkeiten, Ambitionen, der Drang nach Macht, aber ebenso Kränkungen, Groll und Enttäuschungen beeinflussen den politischen Alltag weit stärker, als gemeinhin angenommen wird.
Politik präsentiert sich oft als chaotisch, schwer überschaubar und bisweilen irrational. Eine kohärente Erzählung, die aus einer Vielzahl von Zufällen, Fehlern und Verwirrungen einen scheinbar logischen Verlauf destilliert, wird häufig erst rückblickend kreiert. Der Ausspruch „Politik ist die Kunst des Möglichen“ wird meist als Fähigkeit zur kreativen Gestaltung verstanden. Man kann ihn aber auch so deuten, dass es die Kunst ist, ungeachtet aller Schwierigkeiten einen Kompromiss zu erzielen, der von allen Parteien mitgetragen oder zumindest als das geringste Übel hingenommen werden kann.
Dies wird besonders deutlich in den häufig langwierigen Koalitionsverhandlungen, bei denen sich die Delegationen über Tage hinweg an Details festbeißen. Dabei steht oftmals nicht der Inhalt im Vordergrund, sondern die Frage, wer letztlich die Oberhand gewinnt und einen Erfolg für sich beanspruchen kann – und dies selbstverständlich auch öffentlichkeitswirksam darstellt. Insbesondere die Verhandlungen zur Ampelkoalition verdeutlichten, dass am Ende einer solchen Kette von Unsicherheiten der Zufall und das Momentum eine mindestens ebenso tragende Rolle spielten wie rationales Kalkül. Der feste Entschluss, die Koalition entgegen aller Hindernisse zu schmieden, erwies sich als kritischer Faktor. Es waren nicht die überzeugendsten Argumente, die sich durchsetzten, sondern jene, die in die jeweilige politische Lage passten.
Im politikwissenschaftlichen Diskurs wird häufig der Stellenwert von Narrativen betont. Manchmal jedoch dominieren nicht die Erzählungen die Politik, sondern die Politik findet nachträglich eine passende Geschichte, um sich zu rechtfertigen oder zu interpretieren. Politik ist das, was geschieht, wenn es geschieht. Sie ist die unmittelbare Reaktion auf das jeweilige Ereignis. Und sie ist die Fähigkeit, dieses Ereignis so zu deuten, dass es den eigenen strategischen Überlegungen entspricht.
Diese Eigenschaften erschweren die Prognose von Politik für Wissenschaftler, Kommentatoren und andere Fachleute erheblich. Gleichzeitig macht es sie für Außenstehende so fesselnd. Denn wäre alles logisch und vorhersagbar, ginge die Anziehungskraft des „Spiels der Politik“ verloren. Die Kunst der Analyse besteht dann darin, aus dem Wirrwarr eine einigermaßen plausible Erzählung zu formen. Dies unterscheidet sich jedoch grundlegend davon, Politik von vornherein logisch und kausal erklären zu wollen.
Gerade diese Kombination aus planvollen Absichten und zufälligen Begebenheiten, aus präzisen strategischen Überlegungen und menschlichen Unwägbarkeiten, verleiht dem politischen Geschehen seine besondere Spannung, macht es aber auch so unvorhersehbar. In diesem Sinne ist „House of Cards“ zwar eine fesselnde Serie, doch die Wirklichkeit erweist sich als wesentlich vielschichtiger und komplizierter. Sie kennt keine eindeutigen Gegenspieler oder Helden, sondern lediglich Akteure, die im politischen System handeln.