Eine Aktualisierung der Nahost-Ordnung war längst fällig, doch ihre Entstehung vollzieht sich nun inmitten kriegerischer Spannungen. Der iranische Angriff auf Israel, wenngleich strategisch durchdacht, hat die geopolitische Lage auf eine Weise verändert, die zuvor als unvorstellbar galt. Mit einem Mal tritt ein faktisches „Nahost-Bündnis“ in Erscheinung – und beweist seine Wirksamkeit. Es setzt sich zusammen aus Israel, Jordanien, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den USA, Großbritannien und Frankreich. Diese spontane Koalition stellte sich in der Nacht auf Sonntag dem Iran entgegen und sicherte den israelischen Luftraum. Es ging dabei nicht ausschließlich um die Verteidigung Israels. Vielmehr wurde das Prinzip der regionalen Stabilität durch eine breite Koalition gegen den Iran als Unruhestifter verteidigt. Der Einsatz der USA, etwa durch die Überwachung des Luftraums mittels AWACS-Flugzeugen, sowie die Beteiligung britischer und französischer Kampfjets zeugten von einer bemerkenswerten globalen Kooperation. Diese gefährliche Krise birgt gleichzeitig eine bedeutsame Gelegenheit: die Einbindung Saudi-Arabiens, des global größten Ölproduzenten und Bewahrers der heiligsten islamischen Stätten, in ein westlich ausgerichtetes Sicherheitssystem. Jahrzehntelang wurde Saudi-Arabien, insbesondere in Deutschland, mit Skepsis betrachtet. Die Vorstellung eines archaischen Königreichs, in dem Frauen unterdrückt und Kritiker hingerichtet werden, dominierte die öffentliche Wahrnehmung. Dieses Bild ist zwar nicht unwahr, aber es ist unvollständig. Saudi-Arabien befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, angeführt von Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS), der das Land durch umfassende Reformen modernisieren möchte. Er fördert die gesellschaftliche Liberalisierung, auch wenn politische Fortschritte zögerlich sind und Menschenrechte nach westlichen Standards häufig nicht eingehalten werden. MBS zeichnet sich als Pragmatiker aus. Er sucht aktiv die Anbindung an den Westen, da er erkannt hat, dass die Zukunft seines Landes nicht in der Abkapselung, sondern in der Eingliederung in die Weltwirtschaft liegt. Ihm ist bewusst, dass er zur Verwirklichung seiner „Saudi Vision 2030“ – einem Plan zur Transformation des Landes weg von der reinen Ölexportwirtschaft hin zu einer Wissensgesellschaft – auf westliche Technologien, Investitionen und Fachwissen angewiesen ist. Die unter Vermittlung der USA entstandenen Abraham-Abkommen, die eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten bewirkten, stellen einen bedeutenden Schritt in diese Richtung dar. Obwohl Saudi-Arabien diesen Vereinbarungen bislang nicht offiziell beigetreten ist, demonstriert die aktuelle Zusammenarbeit in der Luftverteidigung, dass eine gemeinsame Grundlage bereits vorhanden ist. Für die westliche Welt – und hier insbesondere für Deutschland – markiert dies einen Wendepunkt in der Außenpolitik. Das Beharren auf einer ideologisch motivierten Außenpolitik, welche Menschenrechte über alles stellt und dabei strategische Erfordernisse außer Acht lässt, ist in derartigen Zeiten nicht länger tragfähig. Es geht nicht darum, saudische Menschenrechtsverstöße gutzuheißen, sondern vielmehr darum, unter den vorhandenen Gegebenheiten ein Höchstmaß an Sicherheit und Stabilität in einer volatilen Region zu gewährleisten. Der Konflikt mit dem Iran, so tragisch er auch sein mag, nötigt uns dazu, unsere fundamentalen Prinzipien neu zu bewerten. Er eröffnet die Möglichkeit, eine neuartige Allianz zu formen, die den Nahen Osten stabilisiert und westliche Belange schützt. Es wäre ein strategischer Fehler, diese Chance zu übersehen, nur weil unser moralisches Empfinden eine Kooperation mit Saudi-Arabien als inakzeptabel erachtet. Derzeit ist Pragmatismus von größter Bedeutung.