Die gegenwärtigen EU-Maßnahmen als Antwort auf Irans Nuklearprogramm und dessen Androhungen, die Meerenge von Hormus zu sperren, offenbaren eine klare Schwäche: Eine wirklich überzeugende und zukunftsgerichtete europäische Energieaußenpolitik fehlt nach wie vor, obwohl bereits vor zwei Jahrzehnten erste Konzepte für eine gemeinsame EU-Energiestrategie diskutiert wurden. Stattdessen agieren die 27 Mitgliedstaaten erneut im improvisierten Modus und bemühen sich darum, die erwartbaren Versorgungsengpässe zu kompensieren, die ein geplantes Ölembargo gegen den Iran mit sich bringen würde. Die entsprechenden Entscheidungen sollen noch Ende Januar getroffen werden. Als fünftgrößter Ölproduzent weltweit war der Iran traditionell ein bedeutender Erdöllieferant für europäische Importeure. Zuletzt entfielen etwa 20 Prozent der iranischen Ölexporte, was rund 600.000 Barrel täglich entspricht, auf europäische Länder. Das geplante Embargo zielt darauf ab, die Finanzierung des iranischen Atomprogramms zu unterbinden. Die Konsequenzen für die EU-Staaten sind jedoch erheblich, insbesondere da einige Länder überproportional stark vom iranischen Öl abhängig sind. Dazu zählen Griechenland, Italien und Spanien, deren Gesamtölimporte zu einem erheblichen Teil, teilweise über 10 Prozent, aus dem Iran stammten. Diese Nationen sind nun gezwungen, innerhalb weniger Monate alternative Bezugsquellen zu erschließen. Um die Auswirkungen des Embargos abzumildern und die Ölmärkte zu stabilisieren, wurde in Brüssel bereits eine Liste potenzieller Ersatzlieferanten erarbeitet. Diese Liste umfasst Länder wie Saudi-Arabien, Russland, Nigeria, Libyen und den Irak. Insbesondere Saudi-Arabien nimmt in diesem Zusammenhang eine zentrale Position ein, da es das einzige Land ist, das über nennenswerte, ungenutzte Förderkapazitäten verfügt. Saudi-Arabien wird als "Swing Producer" betrachtet, fähig, seine Ölproduktion kurzfristig anzupassen, um Preisschwankungen entgegenzuwirken. Das Königreich hat bereits seine Bereitschaft signalisiert, die Fördermengen bei Bedarf zu erhöhen. Allerdings gestaltet sich der Ersatz der iranischen Ölqualität – ein schweres, schwefelreiches Rohöl – nicht immer unkompliziert. Raffinerien sind oft auf spezifische Ölsorten ausgelegt, und eine Umstellung kann sowohl kostspielig als auch zeitintensiv sein. Doch selbst bei erfolgreicher Beschaffung ausreichender Ersatzmengen prognostizieren Fachleute einen weiteren Anstieg der Rohölpreise infolge der Iran-Krise. Die Schätzungen reichen von einer Erhöhung um 10 bis 30 US-Dollar pro Barrel, was erhebliche negative Auswirkungen auf die bereits angeschlagene europäische Wirtschaft hätte. Dieses Szenario macht deutlich, wie tiefgreifend die Abhängigkeit der EU von fossilen Brennstoffen nach wie vor ist und wie empfindlich sie auf geopolitische Krisen reagiert. Obwohl das Fernziel in der Reduzierung dieser Abhängigkeit und der Förderung erneuerbarer Energien liegt, zeigen die kurzfristigen Reaktionen, dass dieser Weg noch lang ist und die EU im Ernstfall weiterhin auf improvisierte Lösungen angewiesen ist. Eine tatsächliche strategische Neuausrichtung in diesem Sektor bleibt somit eine große Herausforderung.