Deutschlands führende Wirtschaftsinstitute haben ihre Erwartungen für das Wachstum der nationalen Ökonomie erheblich nach unten korrigiert. Sie positionieren die Bundesrepublik damit im Vergleich zu den größeren Industrienationen an letzter Stelle. Die aktuelle Gemeinschaftsdiagnose, erarbeitet von Institutionen wie dem IfW Kiel, dem IWH Halle, dem RWI Essen und dem DIW Berlin, prognostiziert für das laufende Jahr einen Rückgang der gesamten Wirtschaftsleistung. Im Frühjahr hatten die gleichen Institute noch von einem Wachstum von 1,3 Prozent gesprochen. Für das Jahr 2023 wird nun jedoch eine Kontraktion des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,4 Prozent angenommen. Diese signifikante Senkung der Prognosen erklären die Wirtschaftsforscher mit einer hartnäckigen Inflationsentwicklung, erhöhten Zinsen und anhaltenden geopolitischen Risiken. Insbesondere werden die Auswirkungen des Ukraine-Krieges und die nachfolgende Energiekrise genannt. Zudem belasten die Abschwächung der Weltwirtschaft, insbesondere die Entwicklungen in China, die deutsche Exportwirtschaft. "Die deutsche Wirtschaft kämpft sich mit großen Schwierigkeiten durch die gegenwärtige Krise", stellte Moritz Schularick, der Präsident des IfW Kiel, fest. Er fügte hinzu: "Obwohl erste Konjunkturindikatoren eine langsame Erholung für das nächste Jahr andeuten, wird diese spürbar schwächer ausfallen, als noch vor sechs Monaten prognostiziert." Die Wachstumserwartung für das Jahr 2024 wurde ebenfalls korrigiert, von 1,5 Prozent auf nunmehr 1,3 Prozent. Die aktuellen ökonomischen Schwierigkeiten sind mannigfaltig: Hohe Energiekosten, der anhaltende Fachkräftemangel, Engpässe in den Lieferketten und mangelnde Investitionen spielen eine Rolle. Schularick kritisierte zusätzlich: "Der Wirtschaft mangelt es derzeit an einer klaren Zukunftsperspektive, die Orientierung bieten könnte. Stattdessen werden die Unternehmen durch politische Auseinandersetzungen um Haushalts- und Finanzierungsfragen gelähmt." Bereits zwei Wochen zuvor hatte der Sachverständigenrat der Bundesregierung, bekannt als die "fünf Wirtschaftsweisen", seine Prognose für die deutsche Wirtschaft reduziert und rechnete für 2023 ebenfalls mit einem Minus von 0,4 Prozent. Auch die Bundesregierung selbst hatte im Oktober ihre Wachstumserwartungen für das laufende Jahr angepasst, jedoch mit -0,4 Prozent eine ähnlich zurückhaltende Einschätzung abgegeben. Die Inflation wird den Angaben der Gemeinschaftsdiagnose zufolge weiterhin hoch bleiben, soll jedoch im Laufe des Jahres sukzessive nachlassen. Für das Jahr 2023 wird eine Inflationsrate von 6,1 Prozent erwartet, die im Jahr 2024 auf 2,6 Prozent sinken soll. Die angestrebte Zwei-Prozent-Marke der Europäischen Zentralbank (EZB) als mittelfristiges Ziel wird voraussichtlich erst 2025 wieder erreicht werden. Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt sich trotz der gedämpften Wirtschaftslage weiterhin widerstandsfähig. Laut der Gemeinschaftsdiagnose wird die Arbeitslosenquote im Jahr 2023 voraussichtlich auf 5,6 Prozent ansteigen und im Jahr 2024 leicht auf 5,5 Prozent zurückgehen. Dieser Zustand wird als "Lichtblick" inmitten der Krise hervorgehoben. "Die anhaltend hohe Inflation und die fehlenden Investitionen hemmen das Wachstum der deutschen Wirtschaft maßgeblich", erklärte Rainer Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). "Es ist daher unerlässlich, dass die Bundesregierung und der Bundestag umgehend eine eindeutige wirtschaftspolitische Strategie vorlegen, die Vertrauen schafft und Planungssicherheit gewährleistet." Die Wirtschaftsexperten plädieren insbesondere für eine Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren, einen Ausbau der digitalen Infrastruktur und eine Entlastung der Unternehmen durch den Abbau von Bürokratie. Die Experten sind überzeugt, dass "dies nicht nur Anreize für Investitionen schaffen, sondern auch die wirtschaftliche Erholung in Deutschland beschleunigen würde."