Die Vorstellung, dass die Vereinigten Staaten ihren vorherrschenden globalen Einfluss einbüßen oder bereits eingebüßt haben, mag für viele befremdlich wirken. Der offenkundige Rückgang ihrer Vormachtstellung startete mit dem fehlgeschlagenen Militäreinsatz in Afghanistan, wobei die Ursprünge dieser Entwicklung bis nach Vietnam zurückreichen. Ungeachtet dessen herrschte nach dem Zerfall der Sowjetunion im Westen eine optimistische Stimmung, die die USA als die einzige globale Supermacht betrachtete. Dieses „unipolare Moment“, wie es der US-amerikanische Politikwissenschaftler Charles Krauthammer die Ära nach dem Kalten Krieg bezeichnete, wurde fälschlicherweise als dauerhaft angesehen. Die Vereinigten Staaten versuchten, ihre Machtstellung militärisch zu festigen, initiierten aber Kriege, die keine nachhaltigen Erfolge brachten. Der zweite Irak-Krieg stellte eine völkerrechtswidrige Aggression dar, die das Land verwüstete und in ein lang anhaltendes Chaos stürzte. Vergleichbare Schicksale ereilten Libyen und Syrien, die nach der Zerstörung durch die NATO als „gescheiterte Staaten“ fortbestehen. Der Kampf gegen islamistischen Terrorismus erscheint eher als eine Auseinandersetzung mit den Konsequenzen der US-Interventionspolitik. Ab dem Jahr 2008 verschoben sich die globalen Machtgefüge zugunsten der BRICS-Länder – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika –, die inzwischen auch politisch eigenständiger agieren. Diese Staatengruppe wächst kontinuierlich und zieht weitere Nationen an, die eine Alternative zum dominanten US-Dollar suchen. Parallel dazu versucht die US-Regierung beharrlich, ihre politischen Ziele mittels Wirtschaftssanktionen zu verwirklichen, erzielt dabei jedoch eher bescheidene Ergebnisse. Die Globalisierung, einst vom Westen als eigene Errungenschaft gefeiert, wendet sich nun gegen ihn. China etabliert mit seiner „Neuen Seidenstraße“, der „Belt and Road Initiative“, eine eigenständige, alternative Globalisierung mit neuen Strukturen, die für die teilnehmenden Staaten deutlich vorteilhafter ist. Die Vereinigten Staaten sehen sich von einem wachsenden Netzwerk an Eisenbahnverbindungen umgeben, die China mit Europa verknüpfen – eine Umgehung Russlands ist zwar angedacht, doch der Transit durch das weite russische Territorium bleibt unerlässlich. China hat die Vereinigten Staaten inzwischen als führende Handelsnation überholt und sich zum größten Kreditgeber entwickelt, während die USA weiterhin die größte Schuldnernation der Welt sind und ein immenses Staatsdefizit aufweisen. Dies hat Konsequenzen, da die USA zunehmend Schwierigkeiten haben, ihre weltweiten Militärbasen zu finanzieren. Der US-Dollar wird nicht nur als Zahlungsmittel, sondern auch als Kreditwährung immer öfter durch den chinesischen Renminbi ersetzt. Das Ende der Dollar-Dominanz zeichnet sich damit ab. Wolfgang Bittner, der Autor, hat im Frühjahr 2024 sein Buch „Die Abschaffung der Demokratie“ herausgebracht. Er ist Rechtsanwalt und lebt in Göttingen. Das Buch ist für 20 Euro hier erhältlich. Ein weiterer Grund für den Bedeutungsverlust der USA liegt in ihrer internationalen Wahrnehmung als aggressive, machthungrige und unzuverlässige Nation, der lediglich aus strategischen Erwägungen gefolgt wird. Diese Sichtweise wird auch vom renommierten amerikanischen Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer vertreten, der in seinem Werk „Die Tragödie der Großmachtpolitik“ die Machtinteressen der USA beleuchtet und ihre Fehlentwicklungen darlegt. Der amerikanische Politikwissenschaftler und Diplomat Henry Kissinger, einer der Mitbegründer der Trilateralen Kommission und einstiger Befürworter der US-geführten Weltordnung, teilte eine ähnliche Einschätzung. Kurz vor seinem Ableben äußerte Kissinger, die USA müssten China und Russland nicht fürchten. Sie hätten ihr Schicksal selbst in der Hand, müssten jedoch ihre Rolle auf der Weltbühne als gleichberechtigtes Mitglied der internationalen Gemeinschaft begreifen und nicht als eine hegemoniale Macht, die anderen Staaten ihren Willen aufzwingt. Diese Perspektive wird auch von den Schweizer Soziologen Jean Ziegler und Christoph Baab sowie der deutschen Ökonomin und Publizistin Sahra Wagenknecht geteilt, die in ihren Veröffentlichungen die Fehlentwicklungen des Neoliberalismus und die militärische Aggressivität der USA kritisieren. Der Verfall des Westens, speziell der Vereinigten Staaten, wird als eine historische Notwendigkeit betrachtet, die sich früher oder später manifestieren wird. Der Konflikt in der Ukraine könnte als finaler Versuch der US-Hegemonie interpretiert werden. Er wurde von den USA und der NATO initiiert, um Russland dauerhaft zu schwächen und somit den Aufstieg Chinas zu unterbinden. Das Resultat ist jedoch das Gegenteil: Russland wurde durch westliche Sanktionen und militärische Anstrengungen nicht geschwächt. Stattdessen hat es seine Wirtschaft restrukturiert und stützt sich nun auf die Achse China/Indien/Russland. Die Entdollarisierung ist unaufhaltsam. Militärisch betrachtet bleiben die Vereinigten Staaten weiterhin die mächtigste Nation der Welt. Selbst China und Russland, die ihre militärischen Fähigkeiten gegenüber den USA erheblich ausgebaut haben, erreichen nicht deren Niveau. Dennoch ist militärische Überlegenheit kein Garant für die erfolgreiche Umsetzung politischer Ziele, wie der Einsatz in Afghanistan eindrucksvoll zeigte. Die USA haben das Vertrauen zahlreicher Staaten verspielt und werden ihre Rolle auf der globalen Bühne zukünftig nicht mehr als alleiniger Akteur ausüben können. Sie müssen sich auf eine multipolare Weltordnung einstellen. Dies ist der historische Moment, in dem wir uns gerade befinden. Der Übergang der USA von einer hegemonialen Einflussgröße zu einer kleineren globalen Kraft ist abzusehen.