Obwohl ich der Sozialdemokratie nie übermäßig zugetan war, betrachte ich ihren Niedergang als einst wichtige Volkspartei als eine der bedauerlichsten Entwicklungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ihr aktuelles Umfragetief von unter 15 Prozent deutet weniger auf individuelle Schwächen hin, sondern vielmehr auf ein tiefgreifendes, strukturelles Problem. Die SPD hat sich von ihrer traditionellen Wählerbasis entfremdet und scheint diese dabei unterschätzt zu haben. Sie präsentiert sich nunmehr wie eine Organisation, die sich primär den Belangen von Radwegen und Geschlechtergerechtigkeit verschrieben hat und vornehmlich die Interessen gut situierter Großstadtbewohner vertritt. Eine Wählergruppe, die die SPD eigentlich nicht benötigt, da diese tendenziell ohnehin die Grünen bevorzugt. Die Kernwählerschaft der SPD bestand traditionell aus Arbeitern, kleinen Angestellten und Menschen, die sorgfältig mit ihrem Geld umgehen müssen – jene, die ihren Lebensstandard nicht durch einen Umzug in eine Metropole wie Berlin oder durch den Verzicht auf Fleischkonsum steigern können. Diese Gruppe bildet die Mehrheit der Bevölkerung. Genau diese Mehrheit hat die SPD eingebüßt – und diese Mehrheit wird nun als ungebildet, als 'abgehängt' oder 'populistisch' stigmatisiert. Die Missachtung der Wähler ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil der Regierungspolitik avanciert. Die politische Elite in Berlin scheint sich in eine Art abgehobenes Elfenbeinturm begeben zu haben, von wo aus sie sich selbst als überlegen und besonders weise betrachtet. Aus dieser Perspektive blickt man auf die breite Bevölkerung herab und zeigt sich verwundert über deren mangelndes Verständnis für die vermeintlichen Weisheiten der Hauptstadt. Man kritisiert sie nicht dafür, dass sie sich um ihre Arbeit, ihre Ausbildung und ihre Kinder kümmern müssen. Vielmehr stößt es auf Missfallen, dass sie nicht im selben Maße wie die Berliner Elite für Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, das Abschalten der Kernkraftwerke oder die neue Ethik des Fleischkonsums zu begeistern sind. Es wird ihnen übelgenommen, dass sie die Dringlichkeit eines Heizungsaustauschs mit 80-prozentiger Förderung nicht mit der gleichen Einsicht erkennen, wie es die politischen Entscheidungsträger tun. Man verübelt ihnen, dass sie keine Freude über die hohe Migrationsrate empfinden. Man wirft ihnen vor, die grüne Heizung nicht als Patentlösung für sämtliche Probleme zu betrachten. Es wird ihnen angekreidet, dass sie sich nicht in gleichem Maße wie die Berliner Eliten für die 'großen Veränderungen' begeistern, die von oben diktiert werden. Der Soziologe Max Weber beschrieb dies als 'Gesinnungsethik': Ein politisches Vorgehen, das aus einer spezifischen moralischen Überzeugung heraus agiert, ohne die daraus resultierenden Konsequenzen hinreichend zu berücksichtigen. Im Gegensatz dazu steht die 'Verantwortungsethik': Eine Politik, die die Auswirkungen ihres Handelns vorausschauend abwägt. In der Berliner Politik dominiert eindeutig die Gesinnungsethik, was zum Scheitern vieler Initiativen führt. Die Kernenergie wurde abgeschaltet, obgleich die weitreichenden Konsequenzen nicht absehbar waren. Die Heizungsgesetze wurden trotz potenziell verheerender Auswirkungen für Millionen von Bürgern erlassen. Die Migrationspolitik wird fortgeführt, ohne die weitreichenden Folgen ausreichend zu berücksichtigen. Das Resultat dieser Entwicklung ist ein massiver Vertrauensschwund in die etablierten Parteien und in das demokratische System. Die Wähler fühlen sich nicht mehr angemessen vertreten und ihre Anliegen werden ignoriert. Sie wenden sich von jenen Parteien ab, denen sie einst ihre Stimme gaben, und suchen nach neuen Optionen. Dies manifestiert sich im Erstarken der AfD und im Niedergang der traditionellen Volksparteien. Die Geringschätzung des Wählers ist keine einseitige Angelegenheit. Sie wird sich rächen und jene Parteien ins Verderben stürzen, die diese Haltung pflegen.