Rüdiger Thies sitzt in seinem Wohnzimmer und teilt seine Geschichte. Er ist der Vater von Lasse, der im Alter von 24 Jahren aus dem Leben schied. Lasse hatte äußerlich alles, was man sich wünschen konnte: eine Anstellung, eine eigene Wohnung und eine Freundin. Doch diese scheinbare Normalität verbarg einen tiefen inneren Konflikt. "Zunächst dominiert eine absolute Leere. Ein Zustand des Schocks und der Ungläubigkeit. Man stürzt in ein tiefes, schwarzes Nichts. Darauf folgen unweigerlich die Fragen: Warum ist das passiert? Weshalb? Habe ich etwas falsch gemacht? Hätte ich nicht die Anzeichen erkennen müssen?" Schuldgefühle, eine überwältigende Leere und das Gefühl der Sinnlosigkeit belasten ihn schwer. Der Vater kämpft sichtlich mit seinen Emotionen, seine Augen sind feucht. Vor drei Jahren beendete Lasse Thies, damals 24 Jahre alt, völlig unerwartet sein Leben. Er war ein junger Mann, der fest im Leben stand: Er hatte sein Studium erfolgreich abgeschlossen, eine feste Anstellung und eine stabile Beziehung. Für Außenstehende schien ihm die Welt offen zu liegen. Niemand konnte jedoch erahnen, welche inneren Nöte er verbarg. Die Familie entdeckte einen Abschiedsbrief, in dem Lasse seine tiefe innere Verzweiflung schilderte. Darin fanden sich keine Vorwürfe, lediglich der Ausdruck einer unerträglichen Last, die er nicht länger tragen konnte. Die Familie Thies entschied sich bewusst dafür, offen mit Lasses Tod umzugehen. Ihr Ziel war es, das Schweigen und Tabu, das oft den Themen rund um Suizid umgibt, zu durchbrechen. "Wir möchten verdeutlichen, dass man in seiner Trauer nicht isoliert ist, dass es essenziell ist, Unterstützung zu suchen, und dass das Leben trotz allem weitergehen kann, auch wenn es sich um einen veränderten Pfad handelt." Die Monate unmittelbar nach Lasses Tod waren von einem tiefen emotionalen Durcheinander gekennzeichnet. Rüdiger Thies suchte verzweifelt nach Erklärungen, nach einer Schuldzuweisung und nach einem Sinn im Geschehen. Er begann eine Traumatherapie und nahm an einer Trauergruppe teil. Wesentliche Unterstützung fand er zudem bei AGUS (Angehörige um Suizid e.V.). "Über lange Zeit quälte ich mich mit der Frage, was ich hätte anders machen können. Hätte ich nicht eindringlicher nachfragen müssen? Genauer hinsehen? Heute ist mir klar, dass ich ihm die schwere Last, die er mit sich trug, nicht hätte abnehmen können." Die Trauer, die man empfindet, wenn ein geliebter Mensch durch Suizid stirbt, unterscheidet sich von anderen Verlusten. Sie ist begleitet von der oft unbeantworteten Suche nach dem Warum und der schmerzhaften Konfrontation mit der eigenen vermeintlichen Ohnmacht und dem Gefühl des Versagens. Die Organisation AGUS dient als wichtige Anlaufstelle für Hinterbliebene, die ähnliche Schicksale erlebt haben. Sie bietet Verständnis, emotionalen Halt und die Gelegenheit zum Austausch mit Gleichgesinnten. "Dort kann man über alle Gefühle sprechen, ohne verurteilt zu werden. Man spricht quasi die gleiche Sprache der Trauer." Heute engagiert sich Rüdiger Thies ehrenamtlich bei AGUS, besucht Fortbildungen und teilt seine persönlichen Erfahrungen öffentlich. "Mein Anliegen ist es, anderen Menschen Mut zu machen, sich ihrer Trauer zu stellen, Unterstützung in Anspruch zu nehmen und zu erkennen, dass das Leben einen Weg nach vorne findet." Er ist sich bewusst, dass diese Wunde niemals vollständig verheilen wird, aber sie wird sich in eine Narbe verwandeln. Das Leben gewinnt wieder an Farbe und Bedeutung, auch wenn es ein verändertes ist. Mögliche Anzeichen für eine Suizidgefährdung umfassen Rückzug aus sozialen Kontakten, anhaltende depressive Verstimmungen, Gefühle der Hoffnungslosigkeit, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder plötzliche, unerklärliche Stimmungsschwankungen. Thies bemerkt dazu: "Gelegentlich sind die Warnsignale so subtil, dass man sie erst im Rückblick klar erkennen kann." Das Allerwichtigste ist, das Gespräch zu suchen und die Ängste und Sorgen des Betroffenen ernst zu nehmen. "Es ist unerlässlich, dass wir lernen, offen über psychische Gesundheit zu sprechen, genauso selbstverständlich wie über körperliche Erkrankungen." Der Weg hinaus aus diesem "schwarzen Loch" ist beschwerlich und langwierig, aber nicht unüberwindbar.