Der renommierte Frankfurter Club Voltaire, historisch eine Hochburg der außerparlamentarischen Opposition und der linksalternativen Bewegung, verzeichnete an diesem Abend eine beachtliche Besucherzahl. Der Anlass war die Präsentation des neuen Buches von Daniel Cohn-Bendit, „Denk mal nach, Daniel!“, das er gemeinsam mit Stefan Brauburger verfasst hat. Der Buchtitel spiegelt Cohn-Bendits eigene Entwicklung wider: Der 77-jährige Querdenker und einstige Ikone der 68er-Generation hat über die Jahrzehnte einen bemerkenswerten Wandel vollzogen. Aus dem einstigen Anarchisten und Provokateur ist ein Realist und Pragmatiker geworden, der sich selbstironisch als „Linker der Mitte“ charakterisiert. Der ehemalige Grünen-Abgeordnete ergriff die Gelegenheit, um seinen einstigen politischen Verbündeten und der aktuellen deutschen Linken eine deutliche Lektion zu erteilen. Besonders scharf kritisierte Cohn-Bendit deren Einstellung zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und zur Rolle Sahra Wagenknechts. Die Linkspartei, so seine Argumentation, habe eine „antieuropäische und demokratiefeindliche“ Position eingenommen, indem sie Waffenlieferungen an die Ukraine ablehnte und Wagenknechts „Friedens-Mahnwache“ befürwortete. Cohn-Bendit bezeichnete die Kundgebung Wagenknechts unmissverständlich als „keine Friedens-Mahnwache, sondern eine Anti-Ukraine-Demonstration“, was zu gemischten Reaktionen, von Applaus bis zu Unmutsbekundungen, im Saal führte. Laut eigener Aussage hat Cohn-Bendit die Ukraine in den letzten drei Jahrzehnten elfmal besucht, spricht fließend Russisch und ist mit der Region bestens vertraut. Er stellte unmissverständlich klar: „Putin ist ein imperialistischer Kriegsverbrecher“ und plädierte für eine kompromisslose Unterstützung der Ukraine, da „die Ukraine die europäische Freiheit und Demokratie verteidigt.“ Eine „Querfront“-Allianz mit Rechten und Sahra Wagenknecht sei für ihn indiskutabel. In seinen Augen sind „die Grünen heute die wahren Linken in Deutschland“. Auch gegenüber seiner eigenen Generation übte er Selbstkritik. „Wir waren naiv und haben Putin zu lange unterschätzt“, gestand er. Man habe sich zu stark auf die Chance eines friedlichen Zusammenlebens verlassen und die wiederholten Warnungen aus den baltischen Staaten sowie Polen überhört. „Heute sind wir klüger, doch leider zu spät.“ Cohn-Bendit sprach sich dezidiert für eine eindeutige pro-westliche Ausrichtung aus und warnte nachdrücklich vor einer deutschen Sonderrolle. „Wir müssen uns entscheiden, auf welcher Seite wir stehen“, betonte er und verlangte eine Stärkung der Nato und der Europäischen Union. „Lediglich durch Zusammenarbeit können wir den zukünftigen Herausforderungen begegnen.“ Im Verlauf des weiteren Abends gewährte Cohn-Bendit Einblicke in sein ereignisreiches Leben: von seinen Anfängen als Anarchist in Paris über seine Amtszeit als Europaabgeordneter bis hin zu seiner Funktion als Berater für Präsident Macron. Er hob hervor, dass er sich durchgehend für die europäische Integration engagiert habe und weiterhin an die Vision eines geeinten und demokratischen Europas glaube. „Europa stellt unsere einzige Möglichkeit dar“, so Cohn-Bendit überzeugend. Das aufmerksame Publikum im Club Voltaire hörte gespannt zu, stellte herausfordernde Fragen und beteiligte sich lebhaft an der Diskussion mit Cohn-Bendit. Es wurde deutlich, dass seine Ansichten zwar nicht unumstritten sind, er aber nach wie vor eine gewichtige Stimme in der politischen Auseinandersetzung darstellt. „Ich bin kein Dogmatiker, sondern ein Suchender“, schloss Cohn-Bendit und ermutigte die Anwesenden, ihre eigenen Standpunkte stets kritisch zu hinterfragen. Der Titel seines Buches, „Denk mal nach, Daniel!“, versteht sich somit auch als eine Aufforderung an uns alle, nicht in veralteten Denkmustern zu verharren.