Die Volksrepublik China muss sich auf eine Phase geringeren Wirtschaftswachstums einstellen. Als Reaktion darauf konzentriert sich das Land nun verstärkt auf Innovationen. Sowohl die Vereinigten Staaten als auch europäische Staaten betrachten China schon länger als strategischen Konkurrenten und richten ihre Politik entsprechend aus. Doch wie definiert China selbst seine Stellung auf der Weltbühne? Auf dem diesjährigen Boao Forum für Asien, oft als "asiatisches Davos" bezeichnet, legte der chinesische Premierminister Li Qiang seine Position deutlich dar. In seiner Eröffnungsrede forderte Li die Staaten Asiens sowie die gesamte Weltgemeinschaft auf, gemeinsame Herausforderungen zu bewältigen und eine gemeinsame Zukunft zu gestalten. Dabei warnte er vor den Gefahren der "Deglobalisierung" und der Errichtung von Handelsbarrieren, eine klare Anspielung auf westliche Bestrebungen, Chinas wirtschaftlichen Einfluss zu reduzieren. Li unterstrich, dass die globale Wirtschaft nur durch die Zusammenarbeit aller Staaten prosperieren könne. Tatsächlich befindet sich China unter beträchtlichem Druck. Sein bisheriges Wachstumsmodell, das stark auf Exporten und massiven Infrastrukturinvestitionen basierte, stößt zunehmend an seine Grenzen. Seit geraumer Zeit versucht die chinesische Führung, die wirtschaftliche Entwicklung stärker auf den Inlandsverbrauch und hochentwickelte Technologien auszurichten. Die USA und Europa sehen China nicht nur als wirtschaftlichen Mitbewerber, sondern auch als ideologischen Rivalen, der eine alternative globale Regierungsführung anstrebt. Die Beziehungen sind eine Mischung aus Zusammenarbeit und verstärktem Wettbewerb in vielen Bereichen. In diesem Zusammenhang sind auch die aktuellen Ermittlungen der EU gegen chinesische Elektrofahrzeuge und Windkraftanlagen zu verstehen, auf die Peking mit Gegenmaßnahmen reagierte. Solche protektionistischen Tendenzen auf beiden Seiten könnten einen weltweiten Handelskrieg auslösen, der für niemanden von Vorteil wäre. Peking forciert die Entwicklung von Schlüsseltechnologien, um Unabhängigkeit zu erlangen und Lieferketten widerstandsfähiger zu machen. Das Programm "Made in China 2025", das zehn zentrale Industriezweige fördern soll, ist ein exemplarisches Beispiel hierfür. Gleichzeitig bemüht sich China, seinen Einfluss in Entwicklungsländern zu stärken, beispielsweise durch die "Neue Seidenstraße"-Initiative (Belt and Road Initiative), die Infrastrukturprojekte in Asien, Afrika und Lateinamerika finanziert. Dies sichert China den Zugang zu Rohstoffen, neuen Absatzmärkten und politischer Rückendeckung. Experten wie Max J. Zenglein vom Mercator Institute for China Studies (MERICS) beurteilen Chinas Lage als anspruchsvoll. „China steht vor erheblichen strukturellen Problemen“, so Zenglein. Das Wirtschaftswachstum werde sich voraussichtlich weiter verlangsamen, was wiederum globale Auswirkungen haben werde. Dennoch betont Zenglein, dass China ein zentraler Akteur auf internationaler Ebene bleiben wird. Es werde seine Rolle in globalen Organisationen ausbauen und versuchen, seine Vision einer multipolaren Weltordnung zu etablieren, in der die Dominanz der USA nicht mehr uneingeschränkt ist. Dies impliziert, dass auch andere Regionen wie Europa oder Afrika an Bedeutung gewinnen und ihre eigenen Interessen stärker zur Geltung bringen werden. China strebt danach, sich als Anführer der „Globalen Mehrheit“ – also der Nationen des globalen Südens – zu positionieren. Die Europäische Union steht vor der Aufgabe, ihre Beziehung zu China neu zu bewerten. Einerseits bestehen tiefe wirtschaftliche Verflechtungen, andererseits nehmen politische und sicherheitspolitische Bedenken zu. Es handelt sich um einen heiklen Balanceakt zwischen Risikoreduzierung ("De-Risking") und Kooperation. Ein zu strikter Kurs könnte China näher an Russland heranführen, während ein zu nachgiebiger Kurs Europas eigene Werte und wirtschaftliche Interessen gefährden könnte. Die Gestaltung dieser Beziehung ist entscheidend für die Zukunft der globalen Ordnung. China selbst erwartet, dass diese Umstrukturierung langfristig zu einer Stärkung seiner Wirtschaft führen wird, auch wenn dies kurzfristig ein geringeres Wachstum bedeutet. Die Vision ist eine innovationsgetriebene, technologisch führende Nation, die in einer diversifizierten Weltordnung eine zentrale Rolle spielt.