Unangenehme Wahrheiten sollten jeden Regierungschef zur Selbstreflexion anregen. Diplomaten wie William „Bill“ Kent haben die Aufgabe, solche Fakten ans Licht zu bringen. Gerade deshalb entfaltet Kents Rücktritt eine erhebliche Brisanz. William Kent bekleidete zuletzt die Position des geschäftsführenden US-Botschafters in Polen und war zusätzlich Stellvertretender Staatssekretär für europäische und eurasische Angelegenheiten. Er galt als hochrangiger Diplomat, der die Feinheiten der Diplomatie umfassend verstand und die komplexen internationalen Zusammenhänge bestens kannte. Sein Abschied dürfte der US-Regierung spürbaren Schaden zufügen. Kent reichte seine Kündigung am letzten Freitag ein. Die Begründung ist unmissverständlich: „Das Leitmotiv ‚America First‘ stellt ein gefährliches Dogma dar, das gleichermaßen unsere Verbündeten und unsere moralische Autorität untergräbt“, so zitiert der US-Nachrichtensender CNN aus seinem Schreiben. „Ein Amerika, das sich von seinen Partnern abschottet, ist ein schwächeres Amerika.“ Seit mehreren Jahrzehnten war Kent im US-Außenministerium tätig und hatte sein Berufsleben der Diplomatie verschrieben. Er war überzeugt von der Notwendigkeit von Bündnissen, dem Wert diplomatischer Verständigung und dem Schutz der Menschenrechte – Prinzipien, die die Trump-Administration nach Ansicht zahlreicher Kritiker missachtet. Üblicherweise werden solche Rücktritte nicht öffentlich bekannt. Die Tatsache, dass Kents Schreiben nun an die Öffentlichkeit gelangte, weist einmal mehr auf die ernste Situation im Außenministerium hin. Es ist bemerkenswert, dass ein Diplomat von seinem Rang seine Enttäuschung und Besorgnis derart drastisch formuliert, was als deutliches Warnsignal für die US-Außenpolitik zu verstehen ist. Die US-Regierung unter Donald Trump favorisiert Konfrontation über Konsens und Isolation über Integration. Diese politische Ausrichtung erachtet Bill Kent als schädlich für die Vereinigten Staaten. Er kritisiert zudem, dass die Diplomatie, die für eine globale Macht wie die USA von entscheidender Bedeutung ist, in der Trump-Administration eine marginale Rolle spielt. Statt auf die Einschätzungen versierter Experten zu vertrauen, verlassen sich Trump und sein Team auf Berater ohne diplomatische Fachkenntnis. Kent reiht sich in eine lange Liste ein: Seit Trumps Amtsantritt haben zahlreiche hochrangige Diplomaten das State Department verlassen. Sie hatten die Hoffnung aufgegeben, dass die USA unter seiner Führung noch eine glaubwürdige Außenpolitik verfolgen könnten. Kents Abschied stellt nun ein weiteres Element in dieser Serie von Weggängen dar, die das US-Außenministerium merklich geschwächt haben. Die Konsequenzen sind erheblich: Die USA verlieren an globalem Einfluss, an Glaubwürdigkeit und an internationaler Stärke. Die Diplomatie, das primäre Instrument der Außenpolitik, wird entwertet. Kents Rücktritt ist somit nicht nur eine persönliche Erklärung, sondern ein klares Warnsignal an die Administration Trump.