Seit dem 1. Januar leitet Bonaventure Soh Bejeng Ndikung das Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin. Er tritt die Nachfolge von Bernd Scherer an, der die Institution zwei Jahrzehnte lang maßgeblich mitgestaltet hat. Ndikung, der zuvor die Geschicke von Savvy Contemporary in Wedding lenkte, steht nun vor der Herausforderung, das angesehene Haus am Spreebogen in eine zukunftsweisende Phase zu begleiten. In einem Gespräch äußert sich der Kurator, Autor und Biologe zu seinem „unverbesserlichen Optimismus“, der Abgrenzung zu seinem Vorgänger, der Wichtigkeit des Globalen Südens und seiner Vision, das HKW zu einem Haus für die „ganze Erde“ zu transformieren. **Tagesspiegel:** Herr Ndikung, Sie nennen sich einen „unverbesserlichen Optimisten“. Ist dies angesichts der zahlreichen weltweiten Krisen – von Klimawandel über Kriege bis hin zu antidemokratischen Tendenzen – eine gewagte oder womöglich naive Einstellung? **Bonaventure Soh Bejeng Ndikung:** Für mich stellt Optimismus eine Methodik dar, eine bewusste Entschließung. Meine Kindheit verbrachte ich in Kamerun, einem Land, in dem man fortwährend mit anspruchsvollen Gegebenheiten konfrontiert wird. Wer dort aufwächst, lernt, selbst unter ungünstigen Bedingungen Hoffnung und Lösungswege zu entdecken. Dieses Denkprinzip findet sich in zahlreichen afrikanischen Philosophien wieder. Es geht nicht darum, Schwierigkeiten zu ignorieren, sondern proaktiv nach Möglichkeiten zu fahnden, sie zu bewältigen. Aus diesem Grund betrachte ich meine Haltung keineswegs als naiv, sondern als unerlässlich. **Tagesspiegel:** Sie verlassen Savvy Contemporary, einen kleineren, agilen und auf Sie zugeschnittenen Ort, um die Leitung einer großen, etablierten Institution wie dem HKW zu übernehmen. Wie bedeutsam ist dieser Wechsel für Sie? **Bonaventure Soh Bejeng Ndikung:** Im Grunde sind beide „Häuser“, doch das HKW besitzt eine gänzlich andere Infrastruktur und erheblich mehr Mittel. Savvy begann als Forschungsprojekt und entwickelte sich über die Jahre zu einer eigenständigen Institution. Das HKW hingegen ist bereits ein in Fahrt befindliches Schiff, dessen Kommando ich nun als Kapitän übernehme. Es geht nicht darum, ein neues Schiff zu konstruieren, sondern das vorhandene auf Kurs zu halten und es womöglich noch geschickter zu steuern. Mein Ziel ist es, den „Savvy-Geist“ in das HKW zu integrieren: eine dialogorientierte Haltung, den regen Austausch und die Kooperation mit anderen Einrichtungen. **Tagesspiegel:** Planen Sie, das HKW verstärkt auf den Globalen Süden, Afrika und Themen der Dekolonisierung zu fokussieren? **Bonaventure Soh Bejeng Ndikung:** Das HKW trägt den Namen „Haus der Kulturen der Welt“. Es soll die Gesamtheit der Welt abbilden, nicht bloß den Globalen Norden. Dies schließt selbstverständlich den Globalen Süden, Afrika und Regionen ein, die historisch oft vernachlässigt wurden. Dennoch ist dieser Ansatz nicht ausschließlich. Es geht darum, frische Blickwinkel zu eröffnen, die Welt neu zu konzipieren und eine „multipolarere Welt“ zu etablieren, in der alle Kulturen ihren verdienten Raum finden. „Dekolonisierung“ stellt dabei einen bedeutenden Aspekt dar, jedoch nicht den alleinigen Schwerpunkt. **Tagesspiegel:** Auf welche Weise beabsichtigen Sie sicherzustellen, dass das HKW nicht ausschließlich das gewohnte Publikum anzieht, sondern auch eine breitere Öffentlichkeit anspricht? **Bonaventure Soh Bejeng Ndikung:** Dies ist eine vorrangige Aufgabe. Wir müssen das Haus sowohl physisch als auch intellektuell öffnen. Das bedeutet, das Team zu diversifizieren, wofür bereits erste Schritte unternommen wurden. Es beinhaltet ebenfalls, diverse Wissenssysteme zu integrieren und nicht lediglich die westlich geprägte Sichtweise zu bedienen. Wir möchten Verbindungen zu verschiedenen Gemeinschaften herstellen und das HKW zu einem Ort gestalten, an dem sich jeder wohl und willkommen fühlt. Das Bauwerk selbst soll zugänglicher werden, kein „White Cube“, sondern ein offenes Haus für jedermann. **Tagesspiegel:** Als Schwarze Persönlichkeit an der Spitze einer bedeutenden deutschen Kulturinstitution, stellt dies eine zusätzliche Herausforderung dar, möglicherweise durch Vorurteile oder Rassismus? **Bonaventure Soh Bejeng Ndikung:** Selbstverständlich ist die unübersehbare Problematik wohlbekannt. Im Laufe meiner Karriere musste ich bereits zahlreiche auf Vorurteilen basierende Hindernisse bewältigen. Dennoch richte ich meinen Fokus auf meine Tätigkeit und meine Bestimmung. Ich werde von einem exzellenten Team unterstützt. Zudem sehe ich mich in der Pflicht, als Vorbild zu agieren und zu demonstrieren, dass solche leitenden Positionen für jede Person erreichbar sein sollten, ungeachtet ihrer Abstammung oder Hautfarbe. Meine Energie investiere ich lieber in die Gestaltung der Zukunft, anstatt mich mit Vergangenem auseinanderzusetzen. **Tagesspiegel:** Gibt es bereits konkrete Projekte oder Themenschwerpunkte für Ihr Auftaktprogramm? **Bonaventure Soh Bejeng Ndikung:** Wir entwickeln derzeit ein Projekt unter dem Arbeitstitel „The Whole Life: An Archive of the Future“, welches sich aus diversen Blickwinkeln mit der Frage auseinandersetzt, wie wir eine nachhaltige und gerechte Zukunft formen können. Ein weiterer Fokus liegt auf „Acts of Repair“, das sich mit historischen Ungerechtigkeiten und Forderungen nach Wiedergutmachung beschäftigt. Ferner werden ökologische Themen und der Klimawandel eine wesentliche Rolle einnehmen. **Tagesspiegel:** Was verleiht Ihnen persönlich die Stärke und Überzeugung, diesen Optimismus beizubehalten? **Bonaventure Soh Bejeng Ndikung:** Ich vertraue auf die Güte des Menschen. Meine feste Überzeugung ist, dass wir Lösungen finden können, wenn wir einander aufmerksam zuhören, miteinander kommunizieren und uns bemühen, die Sichtweise des anderen zu erfassen. Dies gilt auch dann, wenn die Situation herausfordernd ist oder Konflikte bestehen. Diese Überzeugung bildet die Grundlage meines Optimismus. Sie ist tief in mir verankert und leitet mich in meiner beruflichen Tätigkeit sowie in meinem persönlichen Dasein.