Aufmerksamkeit und Zufall: Das Dachgeschoss-Atelier einer Malerin im siebten Bezirk
Seit einem Vierteljahrhundert, genauer gesagt seit 1999, hat die Künstlerin Andrea Lehmann ihren Lebensmittelpunkt und ihre Wirkungsstätte in einem Dachgeschoss-Atelier im siebten Wiener Gemeindebezirk. Die Wahl dieser spezifischen Adresse ergab sich damals eher zufällig, als eine Bekannte sie auf das leer stehende Objekt aufmerksam machte, kurz nachdem Lehmann ihr Studium beendet hatte. Dieser Raum hat sich seither zu einem unverzichtbaren Zentrum ihres künstlerischen Schaffens und ihres persönlichen Daseins entwickelt.
Die ursprüngliche Dachbodenfläche gestaltete sie gemeinsam mit ihrem damaligen Partner durch umfangreiche Eigenarbeit in ein funktionales Atelier um. Große Fensterfronten eröffnen eine weitläufige Aussicht über die Dächer Wiens und verleihen dem Raum eine einzigartige Atmosphäre der Stille und Abgeschiedenheit vom urbanen Lärm. Lehmann integriert den gesamten Bereich nahtlos in ihr Leben; eine strikte Trennung von Wohn- und Arbeitsraum existiert nicht, alles fließt ineinander.
Von ihrem erhöhten Standort aus beobachtet sie die Stadt, sammelt Impulse bei Wanderungen oder Aufenthalten in der Natur. „Ich bin eine präzise Beobachterin“, erklärt sie selbst. Ihre künstlerischen Arbeiten spiegeln das Beobachtete und Erfahrene wider. Sie verarbeitet Reiseeindrücke, alltägliche Geschehnisse oder zufällig gefundene Objekte. Die Malerei stellt für sie einen „inneren Dialog“ dar, durch den sie ihre Gedankenwelt und Emotionen ausformuliert.
Lehmann zeigt eine ausgeprägte Neigung zum Sammeln von Gegenständen – ob es sich dabei um Steine, Holzfragmente, historische Werkzeuge oder gewöhnliche Alltagsdinge handelt. Diese erworbenen Stücke integriert sie häufig in ihre Kunstwerke oder lässt sich von ihnen anregen. „Jeder Gegenstand birgt eine eigene Geschichte oder evoziert eine bestimmte Reaktion in mir“, erläutert sie. So werden zum Beispiel alte Fensterrahmen, rostige Zangen oder Stoffreste zu bedeutungsvollen Elementen und Trägern von Erinnerung.
Lehmann betrachtet ihr Atelier nicht als einen unveränderlichen Ort, sondern als einen dynamischen, lebendigen Organismus, in dem sich Objekte und Ideen fortwährend entfalten und entwickeln. Es dient als Raum für künstlerische Prozesse, nicht bloß als Ausstellungsort für vollendete Arbeiten. Die Wände sind bedeckt mit Skizzen, Aufzeichnungen und Bildern, die den Entstehungsprozess ihrer Konzepte deutlich abbilden.
Sie definiert sich selbst als „Sammlerin“ – wobei dies nicht nur materielle Objekte, sondern ebenso Eindrücke, Empfindungen und kreative Impulse umfasst. Ihre Kunst resultiert aus der Wechselwirkung von Zufälligkeit, genauer Beobachtung und Erinnerung, welche sich in ihren komplexen Werken widerspiegelt.
In den nächsten Monaten wird die Malerin ihre Arbeiten in verschiedenen Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich machen. Ab dem 26. Juni können ihre „Räume“ im Hofstätterhaus besichtigt werden. Im September ist zudem eine Beteiligung an einer Gruppenausstellung in der Galerie Frey geplant.
Lehmann hält sich an keine festen Arbeitszeiten. Oft widmet sie sich ihrer Kunst bis spät in die Nacht, insbesondere wenn die Stadt ruht und die Lichtverhältnisse eine besondere Qualität annehmen. Die Malerei ist für sie untrennbar mit ihrem Leben verbunden, ein ununterbrochener Strom kreativen Schaffens und tiefgehender Reflexion.