Neuroathletik verfolgt das Ziel, Gehirn und Nervensystem durch gezielte Übungen so zu optimieren, dass Sportler ihre Reaktionsfähigkeit und Bewegungskoordination steigern können. Auch die Linderung von Schmerzen wird durch diese gehirnbasierten Trainingsmethoden in Aussicht gestellt. Im Kern geht es darum, das Gehirn mit präzisen Signalen zu versorgen, damit es optimale Bewegungsabläufe steuern und die Konzentrationsfähigkeit für weitere Aufgaben erhalten kann. Essenzielle Elemente dieses Ansatzes sind unter anderem die Steuerung von Blick- und Augenbewegungen sowie die Schulung des Gleichgewichtssinns, auch als vestibuläres System bekannt. Lars Lienhard, ein führender Neuroathletik-Experte, betrachtet das Gehirn als die übergeordnete Steuerzentrale, die sämtliche Bewegungen, Entscheidungen und Gefühle reguliert. Es ist demnach verantwortlich dafür, ob wir Schmerzen empfinden oder uns leistungsstark fühlen. Lienhard, der bereits zahlreiche Spitzensportler und Olympiasieger trainiert hat, betont: 'Das Gehirn ist das primäre Organ, das wir trainieren sollten, um unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit zu steigern.' Das Nervensystem lässt sich mit einem Computer vergleichen: Es empfängt Daten (Input), verarbeitet diese (Processing) und generiert daraufhin eine Reaktion (Output). Dieser Input baut auf drei Säulen auf: das Sehsystem (Augen), das vestibuläre System (das Gleichgewichtsorgan im Innenohr) und das propriozeptive System (welches Informationen über die Position und Bewegung des Körpers durch Muskeln, Gelenke und Sehnen liefert). Lienhard erklärt: 'Wird das Gehirn mit hochwertigen Informationen versorgt, resultiert dies in einer positiven Reaktion – sei es eine verbesserte Bewegung oder Schmerzlinderung. Ist der Input hingegen mangelhaft, etwa durch eingeschränkte Augenfunktionen oder bestehende Schmerzen, äußert sich dies in einer negativen Reaktion.' Das Ziel der Neuroathletik ist es, dem Gehirn eine Fülle von optimalen Informationen aus diesen drei genannten Bereichen zukommen zu lassen, um eine präzise Steuerung sämtlicher Bewegungsabläufe zu ermöglichen. Ein exemplarisches Beispiel ist, wie eine inkorrekte Augenbewegung Rückenschmerzen im unteren Bereich der Wirbelsäule hervorrufen kann. Das Gehirn interpretiert diese Fehlfunktion als Bedrohung und reagiert schützend mit einer Bewegungseinschränkung. Sobald die betroffene Person durch spezifische Übungen die Augen wieder richtig koordiniert, können die Rückenschmerzen abklingen. Die Ursprünge der Neuroathletik finden sich in den Vereinigten Staaten, wo Dr. Eric Cobb, ein Chiropraktiker und Funktioneller Neurologe, als einer der Wegbereiter gilt. In Deutschland etablierte Lars Lienhard diese Methoden und wendet sie seit über 15 Jahren an. Neuroathletik findet hauptsächlich im Hochleistungssport Anwendung, wo geringste Zeitunterschiede entscheidend sein können. Doch auch im Freizeitsport, zur Schmerzreduktion oder zur Stressbewältigung verspricht Neuroathletik Unterstützung, da ein effizientes Gehirn in der Lage ist, mit Belastungen besser umzugehen. Der Ansatz der Neuroathletik wirkt schlüssig und intuitiv verständlich. Es stellt sich jedoch die Frage nach der wissenschaftlichen Belegbarkeit. Wissenschaftler betrachten diese Trainingsform oft mit Skepsis, da es an spezifischen, wissenschaftlichen Studien zur Neuroathletik als Gesamtkonzept mangelt. Obwohl Forschungsarbeiten zu isolierten Komponenten des Neuroathletik-Trainings, wie den positiven Auswirkungen von Augentraining, existieren, sind umfassende Untersuchungen zum gesamten System der Neuroathletik selten. Professor Dr. Ingo Froböse, Sportwissenschaftler an der Sporthochschule Köln, äußert sich dazu wie folgt: 'Zwar fehlen leider noch spezifische Wirksamkeitsstudien zur Neuroathletik selbst, jedoch untermauert das physiologische Grundverständnis die Annahme, dass unser Körper maßgeblich über das Nervensystem und die Sinnesorgane gesteuert wird. Wir wissen um die Neuroplastizität, also die ständige Lern- und Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns. Dennoch ist der direkte Kausalzusammenhang zwischen den konkreten Neuroathletik-Übungen und den zugeschriebenen Therapieerfolgen noch nicht eindeutig wissenschaftlich nachgewiesen.' Froböse bemängelt außerdem, dass viele der vorhandenen Studien von den Begründern der Neuroathletik selbst durchgeführt wurden, während unabhängige Überprüfungen größtenteils ausbleiben. Trotzdem bezeichnet Froböse die Neuroathletik als eine 'interessante Weiterentwicklung', die bewährte neurologische Prinzipien des Gehirns und Nervensystems miteinander verknüpft. Einen möglichen 'Placebo-Effekt' schließt der Sportwissenschaftler nicht gänzlich aus, merkt jedoch an: 'Selbst wenn es sich nur um Placebo-Effekte handelt, stellt dies in vielen Kontexten bereits einen Erfolg dar.' Dr. Torsten Pfitzer, Physiotherapeut und Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement, äußert sich ebenfalls überwiegend positiv über die Methode: 'Grundsätzlich birgt sie kein Risiko und ist keineswegs schädlich. Viele der angewandten Techniken sind seit Jahrzehnten in der Therapie zur Verbesserung von Bewegungsfunktionen etabliert, wie beispielsweise Gleichgewichtstraining, visuelles Training oder propriozeptives Training. Für Patienten kann dies eine erhebliche Bereicherung darstellen, jedoch ersetzt es keine vollwertige Physiotherapie.' Pfitzer spricht in diesem Zusammenhang von 'Gehirn-Updates': 'Durch Neuroathletik kann man sein Gehirn auf den aktuellen Stand bringen. Die daraus resultierenden Effekte umfassen eine Reduzierung von Schmerzen, eine Verbesserung der Bewegungsfähigkeit, eine Steigerung der Konzentration und eine Verringerung von Stress. Dies ist nicht ausschließlich Profisportlern vorbehalten.'